Chitral – Wo Berge und Kulturen aufeinander treffen

August 2022

Die Umgebung war einfach atemberaubend schön, weshalb wir am liebsten noch ein paar Tage länger geblieben wären. Wir hatten das Glück, die einzigen Gäste zu sein, sodass wir unseren Aufenthalt völlig ungestört genießen konnten und die volle Aufmerksamkeit des Personals bekamen. Wir konnten ja nicht ahnen, dass uns im Ayun Fort eine ähnliche Unterkunft erwartete.

Vom Nagar Fort fuhren wir am nächsten Morgen über die Hängebrücke wieder auf die andere Seite des Chitralflusses, der sich bis zum Bumburet Valley schlangenförmig durch die Täler windet.Bumburet ist das größte Tal von Kalasha Desh im Bezirk Lower Chitralin der Provinz Khyber Pakhtunkhwa.

Eingebettet in die beeindruckende Bergwelt des Hindukusch liegt Chitral, eine Stadt im äußersten Norden Pakistans. Umgeben von schroffen Gipfeln und tief eingeschnittenen Tälern hat sich die Region über Jahrhunderte eine eigene kulturelle Prägung bewahrt. Zu den markantesten Bauwerken der Stadt zählt die Shahi Masjid mit ihren charakteristischen grünen Kuppeln und eleganten Minaretten. Sie ist nicht nur ein bedeutendes religiöses Zentrum, sondern auch ein Wahrzeichen Chitrals.

Die Shahi-Moschee wurde 1924 von Mehtar aus Chitral – Shuja ul Mulk erbaut und symbolisierte die Blütezeit des Islam in der Region

Rund 40 Kilometer südwestlich der Stadt beginnt das Bumburet-Tal, das größte und bekannteste der drei Kalash-Täler. Die Fahrt dorthin führte durch eine atemberaubende Berglandschaft mit terrassierten Feldern, Obstgärten und kleinen Dörfern. Hier lebt die Kalash-Gemeinschaft, eine religiöse und kulturelle Minderheit, die sich viele ihrer traditionellen Bräuche und Feste bis heute bewahrt hat. Sie unterscheiden sich von der muslimischen Bevölkerungsmehrheit nicht nur durch ihre animistische Religion sondern durch ihre für diese Region einzigartige Traditionen.

Die Kalash sind eine kleine, indo-arische indigene Volksgruppe, die im Distrikt Chitral in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa beheimatet ist. Sie gelten als einzigartig unter den Völkern Pakistans und bilden dessen kleinste ethnisch-religiöse Gruppe.Heute gehören nur noch etwa 3.000 Menschen dieser Ethnie in Pakistan an.

Sie sind vor allem für ihre farbenfrohen Trachten, ihre Musik und ihre lebendige Festkultur bekannt. Mehrmals im Jahr feiern sie traditionelle Feste, bei denen Tanz, Gesang und gemeinschaftliche Rituale eine zentrale Rolle spielen.

Wer sich mehr für diese Volksgruppe interessiert, siehe hier: https://qantara.de/node/20707

Ayun Fort Inn

Unsere nächste Übernachtungsmöglichkeit war das Gästehaus Ayun Fort -inmitten einem wunderschönen Garten mit atemberaubenden Blick auf den imposanten Tirich Mir, dem höchsten Gebirge im Hindukusch.

Dieses reizvolle Gästehaus – das Zuhause von Prinz Maqsood Ul Mulk – befindet sich auf dem Gelände der alten Festung von Ayun, am Eingang zu den Kalash-Tälern und ist nur eine Stunde von Chitral entfernt. Nach der Besichtigung der Shahi Moschee machten wir uns also auf den Weg zu diesem Gästehaus. Schon allein die Fahrt dorthin belohnte uns mit einer grossartigen Kulisse, an der ich mich nicht sattsehen konnte.

Genauso hatte ich es mir vorgestellt … zwischen den zerklüfteten Gipfeln des Hindukusch liegt das Ayun Fort Inn — umgeben von Terrassenfeldern, Pfirsichbäumen und dem besständigen Murmeln kleiner Bäche.

Neugierig aber dennoch mit einer gewissen Scheu uns Fremden gegenüber lugten hinter einem Mauervorsprung Mädchen unterschiedlichen Alters hervor. Erst als unseren männlichen Begleiter ausser Sicht waren, trauten sie sich näher an uns drei Frauen heran. Ich gab ihnen ein paar Süßigkeiten, die ich wohlwissend, dass dies immer Kinderherzen erwärmt, im Voraus aus Deutschland mitgenommen hatte.

Es ist eine Freude, zu sehen, wie einfach es ist, Kinder glücklich zu machen

Chitral-Gol-Nationalpark

Unser nächstes Ziel war der Chitral-Gol-Nationalpark, der etwa zwei Autostunden von der Stadt entfernt liegt. Um den Nationalpark zu erreichen, mussten wir einen sehr schmalen und aus unserer Sicht gefährlichen Weg bewältigen. Unser Fahrer hatte die Abzweigung zum Park verpasst und nutzte die nächste Kurve, um zu wenden. Dieses Wendemanöver wird mir ewig in Erinnerung bleiben, denn zwei meiner Freunde gerieten nicht nur in Panik sondern waren auch sehr verärgert über die “Leichtsinnigkeit” unseres Fahrers. Nachvollziehbar war ihre Angst schon, denn es waren nur wenige Zentimeter, die unser Fahrzeug vom Abgrund in die Tiefe trennte.

Ich behielt die Nerven, denn ich hatte ziemlich schnell erkannt, dass Saqib, unser Fahrer, alles andere als leichtsinnig war, sondern ein erfahrener Fahrer, der die Tücken dieser schmalen Wege, die man nicht wirklich Strassen nennen konnte, kannte und meisterte. Für eine Weile herrschte etwas Missstimmung bei einem meiner Freunde und mir, denn ich hatte ganz spontan den Fahrer verteidigt … hauptsächlich aus dem Grund, dass wir ihn nicht auch noch nervös machten.

Als wir schliesslich den Parkplatz erreichten, fühlte sich eine meiner Freundinnen unwohl. Ich vermutete, dass dies erste Anzeichen der Höhenkrankheit sein könnten, da dies bei untrainierten wie uns bereits ab einer Höhe von 1500 m auftreten kann.
Vom Gästehaus aus kommend hatten wir mit dem Auto innerhalb recht kurzer Zeiteinen Höhenunterschied von etwa 1500 m zurückgelegt, deshalb rieten wir ihr, sich auf einem der Rastplätze auszuruhen, währen wir ein wenig durch den Park streifen wollten.

Der Gol Nationalpark gilt als ein Refugium für Bergwildtiere und ein Ort stiller, unberührter Natur. Dichte Wälder aus Eichen und Fichten wechseln sich mit alpinen Weiden und felsigen Hängen ab, in denen seltene Arten wie der Schneeleopard, der Markhor und verschiedene Hirscharten Schutz finden.

Wir hatten leider nicht das Glück, eines dieser seltenen Arten zu Gesicht zu bekommen, dazu war unser Tagesausflug zu kurz. Ausserdem wollten wir unsere Freundin nicht zu lange auf uns warten lassen und kehrten alsbald zu dem Rastplatz zurück um zu sehen, ob sie sich mittlerweile erholt hatte. So konnten wir wenigstens den Nachmittag in dem herrlichen Garten des Gästehauses verbringen und die wunderschöne Aussicht bei einer Tasse Tee und pakistanischem Snack, einer süßem Variante von Paratha, geniessen.


Unsere Zimmer waren recht komfortabel und gemütlich eingerichtet; traditionelle Textilien, warme Decken und einfache Möbel sorgten für Behaglichkeit, die wir uns nach unserem Ausflug verdient hatten. Nach einem reichhaltigen und sehr leckeren Abendessen genossen wir vom Restaurant aus nochmals den herrlichen Blick auf das Tal und tankten neue Energie für den nächsten Tag.

Chitraltal – Zu Füßen des Hindukusch Gebirges

04. August 2022

Am zweiten Tag begannen wir unsere Reise früh am Morgen mit einem komfortablen SUV, der uns vom Reisebüro inklusive Fahrer zur Verfügung gestellt worden war. Saqib, ein noch recht junger Fahrer, sollte uns die nächsten drei Wochen nicht nur fahren sondern auch auf allen Ausflügen begleiten.

Unser erstes Ziel war das Nagar Fort im Chitral-Tal.

Die Route führte uns zunächst über die recht gut ausgebaute Nationalstraße 45 zum Lowari-Pass, einen 3000 Meter hohen Gebirgspass, der die entlegene Region des Chitraltals und Upper Dir innerhalb der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa miteinander verbindet.

Unterhalb des Lowari-Passes befindet sich der Lowari-Tunnel, der fast 9 Kilometer lang ist und damit einer der längsten Tunnel in Südasien sowie der längste Tunnel Pakistans.

Die Straße schlängelte sich durch die Berge, bis der Lowari-Tunnel uns verschluckte – kühl, dunkel, gefühlt endlos. Nur das dumpfe Grollen des Motors und das schwache Flackern der Tunnellichter begleiteten uns. Dann, unvermittelt, das Tageslicht: Das Chitral-Tal öffnete sich vor uns. Grüne Hänge, schroffe Felsen, und irgendwo da draußen das Nagar Fort – unser nächstes Ziel.

Dass wir uns auf dieser Route so nah an der Grenze zu Afghanistan bewegen würden, war uns vorher nicht richtig bewusst gewesen. Je weiter wir nach Norden vordrangen, desto deutlicher zeigte sich das: Männer in langen traditionellen Gewändern, Frauen vollständig verschleiert – eine Welt, die sich spürbar von allem unterschied, was wir kannten.

Die Kultur dieser Region weist aufgrund ihrer einzigartigen Lage und historischen Verbindungen zu Zentralasien und Europa Spuren griechischer, iranischer, tatarischer und tadschikisch-turkmenischer Einflüsse auf.

Das entlegene Chitraltal hoch oben im Norden Pakistans beheimatet eine der kulturell viel-fältigsten Gemeinschaften der Welt. Hier leben die Kalash, eine der letzten animistischen Völker, deren jahrhundertealte Traditionen in den abgelegenen Seitentälern überdauern. Ihre bunten Gewänder und polytheistischen Rituale stehen im starken Kontrast zur mehrheitlich muslimischen Bevölkerung.

Nach fast sieben Stunden Fahrt lag es endlich vor uns: das Nagar Fort, eine bemerkenswert gut erhaltene Festung auf einem Bergrücken, auf drei Seiten von Wasser umgeben. Der einzige Zugang von der Hauptstraße führt über eine Hängebrücke – ein wankendes Konstrukt aus Seilen und morschen Brettern, das mit jedem Meter, den unser Auto vorwärts kroch, bedrohlicher schwankte. Selbst unser sonst so unerschütterlicher Fahrer wurde merklich stiller. Leise sandte er ein Gebet an Allah, uns heil ans andere Ufer zu bringen.

Schweigend – kein Wort fiel zwischen uns – manövrierte Saqib das Auto Zentimeter für Zentimeter über die schwankende Brücke, bis wir das andere Ufer erreichten. Die Festung war jetzt zum Greifen nah.

Dort wurden wir bereits erwartet. Der Manager des Hotels empfing uns mit einer Herzlichkeit, die nach der langen Fahrt wie ein warmes Willkommen nach Hause wirkte. Nachdem wir unsere Zimmer bezogen hatten, lud man uns in den weitläufigen Garten ein – kleine Häppchen, köstlicher pakistanischer Tee, und endlich Zeit, einfach durchzuatmen.

Die Aussicht tat das Übrige: der Chitral-Fluss zu unseren Füßen, dahinter die Berge, die sich Schicht um Schicht in den Dunst staffelten. Es war eine dieser Landschaften, die einen still werden lassen – nicht aus Erschöpfung, sondern aus purem Staunen.

Ankunft in Islamabad

Nach knapp 15 Stunden Flugzeit mit Stopover in Istanbul erreichten wir mit Turkish Airlines den Flughafen in Islamabad. Die Einreiseformalitäten hatten wir schnell und problemlos hinter uns gebracht. Am Flughafen hatten wir jedoch zunächst Schwierigkeiten, den uns von der Reiseagentur zugewiesenen Fahrer samt Fahrzeug ausfindig zu machen.

Reichlich müde und geistig nicht mehr ganz auf der Höhe, waren wir zunehmend verunsichert, ob das Abholen tatsächlich klappen würde. Schließlich gelang es uns nach einigen Telefonaten mit Abdul, dem für uns zuständigen Reiseagenten, mithilfe eines Kofferträgers gegen ein kleines Trinkgeld doch noch, den Fahrer ausfindig zu machen.

03. August 2022

Als wir gegen 6:30 Uhr morgens im Shelton Ambassador Hotel in Islamabad ankamen, teilte uns der Rezeptionist mit, dass kein Zimmer mehr frei sei. Man habe versucht, mich per E-Mail zu kontaktieren, da ich jedoch nicht geantwortet hätte, seien unsere Zimmer inzwischen anderweitig vergeben worden.



Nach einigem Hin und Her, am Ende war ich auch etwas ungehalten geworden, denn ich hatte die Zimmer über das Internet festgebucht, gab es einen Hoffnungsschimmer. Trotzdem mussten wir noch mehrere Stunden in der Lobby warten, bis wir endlich die Zimmer zugewiesen bekamen.

Wir entschieden uns, trotz extremer Übermüdung, nur unser Gepäck auf die Zimmer bringen zu lassen, uns ein wenig frisch zu machen und den restlichen Tag für Besichtigungen in Islamabad zu nutzen.

Zunächst brachte uns der Fahrer zum Pakistan Denkmal. das sich auf den westlichen Hügeln von Shakarparian in Islamabad befindet. Das Monument symbolisiert die Einheit der pakistanischen Provinzen und Kulturen. Die monumentale Architektur besteht aus vier großen blütenförmigen „Blättern“, die die Hauptprovinzen darstellen, sowie kleineren Blättern für die übrigen Regionen. Die Form erinnert an eine sich öffnende Blume und verbindet moderne Architektur mit islamischen Motiven und traditionellen Ornamenten.

Die vier Hauptblätter repräsentieren die vier Provinzen Belutschistan, khyber-Pakhtunwa, Punjab und Sindh und die kleineren Blütenblätter die drei Territorien Gilgit-Baltistan, Azad Jammu & Kaschmir und die Stammesgebieter.

Pakistan wurde am 14. August 1947 durch die Teilung Britisch-Indiens gegründet. Ziel war die Schaffung eines eigenen Staates für die Muslime des indischen Subkontinents, angeführt von Muhammad Ali Jinnah und der Muslim League. Die Teilung führte zur Entstehung von Pakistan und Indien sowie zu großen Migrationen und Konflikten zwischen Hindus und Muslimen

Die Faisal Moschee, unser nächstes Ziel, zählt zu den beeindruckendsten Bauwerken Pakistans und liegt malerisch am Fuß der Margalla Hills. Mit ihrer außergewöhnlichen, zeltförmigen Architektur hebt sie sich deutlich von klassischen Moscheen ab und vermittelt eine ruhige, fast majestätische Atmosphäre.

Sie hat keine Kuppel, keine traditionelle Silhouette. Stattdessen vier schlanke Minarette, die in den Himmel stechen, und dieses zeltartige Dach – als hätte jemand ein riesiges Beduinenzelt aus weißem Marmor gegossen und mitten in die Stadt gestellt. Der türkische Architekt Vedat Dalokay hat genau das gewollt: eine Moschee, die aussieht wie ein Zelt, eingebettet in die Ausläufer der Margalla-Hügel.

Innen dann der Gegensatz: ruhig, fast meditativ. Persische Teppiche, Kalligraphien an den Wänden, Licht, das durch Glasfenster fällt. Die Beleuchtung in der Mitte – eine riesige Kugel aus goldeloxierten Aluminiumrohren, umgeben von einem Ring aus Leuchten, verbunden durch Vorhänge aus goldenen Zierketten. Das klingt merkwürdig, wirkt aber seltsam stimmig.

Der Komplex liegt im Nordwesten Islamabads, direkt vor den Margalla-Hügeln – die Berge im Rücken, die Stadt zu Füßen. Man steht davor und versteht sofort, warum König Faisal genau diesen Platz ausgewählt hat. Die Moschee wurde in den 1970er Jahren maßgeblich vom saudischen König Faisal ibn Abd al-Aziz finanziert. Als Staatsgeschenk Saudi-Arabiens kostete der Bau damals rund 120 Millionen US-Dollar und sollte die enge Verbundenheit zwischen Pakistan und der arabischen Welt symbolisieren

Draußen, auf dem weitläufigen Vorplatz, das bunte Treiben: Familien mit Kindern, Jugendliche, die Fotos machen, ein paar Touristen wie wir.

Was ich vorher nicht wusste: Auch in einer Moschee sollte man aufpassen.

Zwei Frauen mit Kindern kamen auf mich zu – freundlich, neugierig, aufgeschlossen. Bevor ich richtig begriffen hatte, was passierte, hatte mich eine von ihnen fest umarmt. Zu fest, ehrlich gesagt. Mir war das sofort unangenehm, ich wusste aber nicht, wie ich reagieren sollte – fremdes Land, fremde Situation, nicht unhöflich wirken wollen.

Als sie weg waren, griff ich in meine Tasche. Die kleine Kamera war weg.

Klassischer Taschendiebstahl, perfekt koordiniert. Die Kinder als Ablenkung, die Umarmung als Deckmantel. Ich war wütend – auf mich selbst, nicht auf Pakistan. Ich hatte die Situation falsch eingeschätzt, das war mein Fehler.

Ich liess mir aber durch diesen Vorfall meine gute Laune nicht verderben, denn erstens hatte ich mir eigens für diese Reise noch ein Tablet zusätzlich angeschafft und ausserdem waren da ja auch meineFreunde, die für mich fleißig mitfotografieren sollten.

Den abendlichen Ausflug beendeten wir mit einem Besuch des Monal Restaurants, dem Ausflugsziel schlechthin. Hier, auf den Margalla Hills, oberhalb von Islamabad verbrachten wir einen entspannten Abend mit Blick über die weitläufige Stadt. Besonders beeindruckend war die Lage des Restaurants, da wir beí Einbruch der Dämmerung eine phantastische Sicht auf die Stadt hatten , die in unzähligen Lichtern erstrahlte.

Vor allem am Abend kommen viele Menschen hierher, nicht nur wegen des Essens, sondern vor allem wegen des beeindruckenden Blicks über die Stadt. Trotz des regen Betriebs wirkte die Atmosphäre angenehm entspannt, und gerade mit den langsam aufleuchtenden Lichtern Islambads hatte sich dieser Ausflug hierher wirklich gelohnt und entschädigte uns für die Anstrengungen, die wir hinter uns hatten.

Endlich war es so weit – Es geht nach Pakistan

02.August 2022

Boarding in einer Stunde.

Ich saß am Gate des Hamburger Flughafens und starrte auf mein Ticket, als wäre es ein Dokument, dem ich noch nicht ganz glauben mochte, dass mein Traum nun Wirklichkeit werden sollte. Neben mir meine beste Freundin, die noch schnell eine Nachricht an Freunde schickte und meine anderen beiden Freunde aus Hamburg, die damit beschäftigt waren, ihre Dokumente zum wiederholten Mal überprüfen, bis endlich der Aufruf zum Boarding kam.

Wir flogen nicht direkt. Istanbul lag dazwischen – ein Zwischenstopp, der sich anfühlte wie ein Atemzug vor dem Sprung. Europa noch, Asien noch nicht.

Pakistan. Keiner von uns hatte das Wort in den letzten Tagen oft ausgesprochen, aber es lag über allem. Nicht als Angst – eher als Frage, die wir uns selbst noch nicht gestellt hatten: Was würde uns dort erwarten ? Durch meine monatelange ausgiebige Recherche im Internet, unter anderem durch die zahlreichen Videoblogs auf You Tube von “Wildlens by Abrar”, einem sehr bekannten pakistanischen Videoblogger war ich überhaupt auf die Idee gekommen, nach Pakistan reisen zu wollen. Mit der Zeit war es schon nicht mehr reines Interesse sondern fast schon eine Sehnsucht nach diesem so fremden Land geworden, das mich in seinen Bann gezogen hatte.

Wir waren gespannt, was wir tatsächlich von dem, was wir bisher nur aus den Videos kennengelernt hatten, auch tatsächlich vorfinden würden.

Die Rucksäcke waren gepackt. Impfpässe, Kameras, ein paar Bücher. Das Gepäck stimmte und unsere Dokumente, sorgfältigst noch einmal überprüft, auch.

Als Ärztin hatte ich mich zuvor ausführlich über alle notwendigen Impfungen informiert und meine Freunde beraten. Die Corona Krise war ja glücklicherweise weitesgehend überstanden, so dass wir uns im wesentlichen auf die üblichen Impfungen und ggfs. notwendigen Auffrisch-impfungen beschränken mussten.

Ich hatte ausserdem noch so eine Art Notfalltasche aufgerüstet, in der Verbandsmaterial, Desinfektionsmittel, Spray gegen Mücken, Tabletten zur Elektrolytsubstitution und ein fiebersenkendes Medikament und natürlich ein Fieberthermometer auch nicht fehlen durfte. So waren wir für den Fall, dass einer von uns krank werden sollte, diesbezüglich einigermaßen gut für die Reise vorbereitet.

Reisepläne nach Pakistan

Ist das nicht etwas verrückt ?

Mai 2022

Seit einiger Zei trug ich den Gedanken in mir, nach Pakistan zu reisen. Mein Interesse für dieses Land entstand eher zufällig – während einer Tanzdarbietung, bei der ich erstmals bewusst mit dem Gesang der pakistanischen Qawwali in Berührung kam.

Der Begriff Qawwali stammt aus dem Arabischen und bedeutet „Ausdruck“ oder „Ausspruch“. Er bezeichnet die Andachtsmusik der Sufis, jener mystischen Strömung im Islam, die das Göttliche durch Musik, Poesie und Hingabe erfahrbar machen möchte. Qawwali ist weit mehr als Gesang – es ist ein gemeinschaftliches Ritual, das eine Brücke zwischen Musikern und Zuhörern schlägt und emotionale wie spirituelle Zustände hervorrufen kann.

Die rhythmischen Strukturen, das Zusammenspiel von Stimme, Harmonium, Tabla und Handklatschen sowie die sich steigernde Intensität der Darbietung ziehen alle Anwesenden in ihren Bann. Die Sänger – die Qawwals – verstehen ihre Kunst als spirituelle Mission: Durch ihre Musik rufen sie den Namen Allahs an, getragen von jahrhundertealter Poesie in verschiedenen Sprachen wie Persisch, Urdu oder Punjabi. Die Leidenschaft und Tiefe dieses Gesangs vermag selbst Menschen fern dieser Kultur unmittelbar zu berühren.

Diese erste Begegnung war für mich der Anfang einer inneren Reise. Getrieben von Neugier begann ich, mich intensiver mit Pakistan zu beschäftigen – mit seiner Geschichte, seiner kulturellen Vielfalt und seinen spirituellen Traditionen.

Monatelang las ich Reiseberichte, schaute Dokumentationen und versank irgendwann so tief in der Geschichte und Gegenwart Pakistans, dass die Frage nicht mehr war, ob ich fahre – sondern wann.

Vor allem die Reiseberichte von einem Videoblogger namens “Wildlens by Abrar” https://www.youtube.com/watch?v=YMcMPxezlX0 hatten es mir angetan. Ein pakistanischer Ingenieur, der viele Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet hatte, erfüllte sich einen langgehegten Wunsch, mit seinem Motorrad von Deutschland nach Pakistan zu fahren. Neugierig geworden durch diese Videobeiträge auf You Tube war ich nun fest entschlossen, meinen Plan, nach Pakistan zu reisen, in die Tat umzusetzen.

Die reizvolle Landschaft, die gewaltigen Gebirgszüge, die sich durch tiefe Täler ziehen, und das Leben der Menschen, das noch stark von traditionellen Strukturen geprägt ist, all das hatte es mir angetan und meine Neugierde auf dieses so unbekannte Land immer größer werden lassen.

Freunden von mir, die ebenso wie ich auch sehr viel in Indien unterwegs waren, hatte ich von meinem Reisevorhaben erzählt und so beiläufig gefragt, ob sie nicht interessiert wären, mit mir zu kommen. Sie brauchten nicht sehr lange, bis sie sich entschieden hatten: So waren wir dann schliesslich zu Viert trotz der Bedenken, die von vielen um uns herum geäussert wurden :

Pakistan ? Das ist doch verrückt!

Pakistan war für mich ein Land, das vor allem Bilder im Kopf auslöste: schneebedeckte Gipfel, abgelegene Täler und alte Karawanenwege durch gewaltige Gebirge. Doch erst als ich selbst dort unterwegs war, begann ich zu verstehen, wie vielschichtig dieses Land wirklich ist.

Im Norden ragen die gewaltigen Gebirgsketten von Karakorum, Himalaya und Hindukusch in den Himmel. Hier liegt auch der K2, einer der höchsten Berge der Erde. Doch genauso eindrucksvoll wie die Landschaft sind die Begegnungen mit den Menschen: ihre Offenheit, ihre Neugier und eine Gastfreundschaft, die man selten so unmittelbar erlebt.

Pakistan überraschte auf vielerlei Weise. Zwischen den Ruinen der uralten Indus-Zivilisation, lebendigen Basaren und dem Duft würziger Speisen entfaltet sich ein Land voller Geschichte, Farben und Kontraste.

Vielleicht ist Pakistan gerade deshalb so besonders, weil es noch immer ein wenig abseits der großen Reiserouten liegt. Wer sich auf dieses Land einlässt, entdeckt eine Welt voller intensiver Eindrücke – und Geschichten, die lange nach der Reise weiterwirken.

Über das Internet fand ich schließlich eine pakistanische Reiseagentur, die mir sorgfältig eine Route für eine dreiwöchige Rundreise durch den Norden des Landes ausarbeitete. Von Islamabad aus sollte es Richtung Chitral und weiter nach Hunza gehen – eine Strecke, die uns durch einige der eindrucksvollsten Landschaften Pakistans führen würde. Auch ein Tagesausflug in das pakistanisch verwaltete Kaschmir war in der Tour enthalten.

Von Seiten der pakistanischen Behörde wird ein schriftliches Einladungsschreiben verlangt, dass entweder von der jeweiligen Reiseagentur oder einer Privatperson erstellt werden kann, was in unserem Fall unsere Reiseagentur erledigte und mir zugesandt hatte.

Es dauerte nur wenige Tage, bis das Visum, welches ich online beantragt hatte, für mich und meine Freunde ausgestellt war. Von unserm Touragenten hatte ich erfahren, dass wir an einigen Security Checks in den verschiedenen Regionen die Visa vorlegen oder sogar aushändigen müssten. Aus diesem Grund fertigte ich vorsichtshalber von all unseren Visas mehrere Kopien an, um auf Nummer Sicher zu gehen.

Wie ich herausfand, ist der Monat August die beste Zeit, um in den Norden zu reisen. Ich konnte es kaum erwarten, bis es endlich so weit war: Flugtickets und Visum sowie alle weiteren Dokumente waren vollständig.

Die Reise konnte beginnen.

Emanzipation um jeden Preis ?

Über das Frausein jenseits westlicher Maßstäb

I. Zwischen Beruf und Muttersein

Als junge Frau habe ich mir über Emanzipation kaum Gedanken gemacht. Beruflicher Erfolg, Gleichstellung, Karriere – das waren keine Themen, die mich damals wirklich bewegten. Ich studierte Medizin, weil ich Menschen helfen wollte. Nicht aus Ehrgeiz, sondern aus einem echten Wunsch heraus, etwas Gutes zu tun.

Das Leben wurde dann komplizierter, als ich als Assistenzärztin im Krankenhaus anfing – Vollzeit, zwei kleine Kinder, weitgehend auf mich allein gestellt. Plötzlich war Unabhängigkeit kein abstraktes Ideal mehr, sondern gelebter Alltag mit Erschöpfung, Schuldgefühlen und dem ständigen Gefühl, nirgends ganz anzukommen. Irgendwann fragte ich mich leise: Ist das der Preis? Nicht nur für mich – sondern auch für meine Kinder, die aufwuchsen, während ihre Mutter immer irgendwo gerade nicht ganz da war?

II. Ein selbst gewählter Aufbruch

Als meine Kinder ihr eigenes Leben begannen und ich meine Aufgabe als Mutter als erfüllt betrachtete, traf ich eine Entscheidung, die manche überraschte: Ich schied früh aus dem Berufsleben aus – bewusst und freiwillig. Nicht weil mir die Arbeit nichts bedeutete, ganz im Gegenteil. Aber ich wollte noch andere Dinge tun, solange ich die Energie dafür hatte. Vor allem: reisen.

Und auf diesen Reisen begegnete ich Frauen, die ein ganz anderes Leben führten als meines. Frauen, die finanziell durch ihren Mann abgesichert waren und sich vorrangig um die Familie kümmerten – besonders um die Kinder in ihren jungen Jahren. Was mich dabei berührte, war nicht die Abhängigkeit, die ich aus westlicher Sicht darin hätte sehen können. Es war die Ruhe. Die Präsenz. Das Gefühl, dass diese Frauen wirklich da waren – für ihre Kinder, für ihr Zuhause, für sich selbst.

Das brachte mich zum Nachdenken. Nicht weil ich mein eigenes Leben bereue. Aber ich glaube, dass kleine Kinder etwas brauchen, das sich nicht vollständig delegieren lässt: echte, verlässliche Fürsorge durch eine vertraute Person. Ob Kindergarten oder Tagesmutter das ausreichend ersetzen können – daran habe ich meine ehrlichen Zweifel.

III. Was ich auf Reisen gelernt habe

Es war kein einziges Erlebnis, das mein Denken verändert hat, sondern viele kleine Begegnungen, über Jahre hinweg, in verschiedenen Ländern und Kulturen. Frauen, mit denen ich ins Gespräch kam, deren Alltag sich grundlegend von meinem unterschied – und die trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, eine Zufriedenheit ausstrahlten, die mich nachdenklich machte.

Ich musste ehrlich zu mir sein: Ich hatte diese Lebensmodelle lange stillschweigend als weniger fortschrittlich betrachtet. Eine Frau, die zu Hause bleibt, die vom Mann abhängig ist, die ihre Energie nicht in einen Beruf investiert – das passte nicht in das Bild, das ich von einem gelungenen Frauenleben hatte. Und doch: Wenn ich genauer hinschaute, sah ich Frauen, die präsent waren. Die ihre Kinder kannten. Die nicht jeden Abend erschöpft nach Hause kamen und das schlechte Gewissen mit ins Bett nahmen.

Ich will das nicht idealisieren. Finanzielle Abhängigkeit birgt Risiken, die ich selbst nie eingehen wollte und die ich nicht kleinreden möchte. Aber ich begann zu begreifen, dass es verschiedene Wege gibt, als Frau ein erfülltes Leben zu führen – und dass meiner nicht automatisch der richtige für alle ist.

IV. Keine Antwort – aber eine Haltung

Was bleibt, ist keine fertige Schlussfolgerung. Eher eine veränderte Haltung.

Ich bereue nicht, Ärztin gewesen zu sein. Ich habe in meinem Beruf etwas gefunden, das mir wichtig war: den unmittelbaren Wunsch, Menschen zu helfen, in die Tat umzusetzen. Das war kein Zufall und keine Pflichterfüllung – das war meins.

Aber wenn ich zurückschaue, frage ich mich manchmal, ob meine Kinder in ihren frühen Jahren mehr gebraucht hätten, als ich ihnen geben konnte. Nicht weil ich eine schlechte Mutter war – sondern weil kleine Kinder schlicht Präsenz brauchen, Zeit, Verlässlichkeit. Und die lässt sich nur begrenzt organisieren, delegieren, ersetzen.

Das ist keine Kritik an berufstätigen Müttern. Es ist eine Frage, die ich mir selbst stelle, rückblickend und ohne endgültige Antwort. Vielleicht ist das das Ehrlichste, was ich sagen kann: Emanzipation war wichtig. Ist wichtig. Aber sie hat ihren Preis – und der wird selten laut ausgesprochen, weil er so unbequem ist.

Ich bin froh, dass ich ihn zumindest für mich selbst benennen kann. Spät vielleicht. Aber nicht zu spät.

Meine Reisepläne für Nepal

Wie alles begann …

Januar 2014

Auf die Idee, Nepal zu bereisen, kam ich, als ich mich bei einer Webseite für Reisefreudige, die sich interessanterweise “Where Are You Now, abgekürzt WAYN nannte, anmeldete. Ziel und Zweck dieser Webseite war es, den Austausch von Reiseerfahrungen, Fotos und Reisetipps zu ermöglichen. Gleichzeitig diente es auch als Plattform für Kontaktaufnahmen unter den Mitgliedern. Ausser Nepal stand aber auch noch Indien und Sri Lanka mit auf meinem Plan- für die drei Länder hatte ich mir einen zeitlichen Rahmen von 6 Wochen gesetzt.

Über das Forum der Webseite “Wayn” lernte ich nach einiger Zeit einen Nepalesen kennen, der mir sein Land mit vielen Fotos und ausführlichen Berichten so schmackhaft gemacht hatte, dass ich mich entschloß, auf sein Angebot, mir einen Reiseplan zu erarbeiten und sich als Gastgeber und Reiseführer zu betätigen, einzugehen.

Die Kosten für die Unterbringung in den verschiedenen Hotels und den gesamten 3 wöchigen Aufenthalt einschliesslich Transportkosten hatte Ghansyham, meine neue Bekanntschaft, mit ca.2500 Euro veranschlagt. Ich war davon ausgegangen, dass er bereits auch seine eigene Kosten berücksichtigt hatte, was jedoch, wie ich später erfahren sollte, nicht der Fall war. Darauf komme ich später noch einmal zurück.