Varanasi -Wo Spiritualität erlebbar wird

Es ist der letzte Teil unserer Rundreise durch Nordindien. Eigentlich lag der Schwerpunkt der Reise auf Rajasthan, aber die heilige Stadt am Ganges gehört einfach mit dazu, denn hier erfährt man bei dem abendlichen Ganga Aarti, warum jährlich Tausende von Pilgern nach Varanasi strömen um ihr Heil zu suchen.

Die Entstehung von Benares – heute meist Varanasi genannt – lässt sich nicht wie die Gründung einer Stadt in einem einzigen Datum festnageln. Stattdessen ist sie eher wie das langsame Wachsen eines religiösen und kulturellen Zentrums über sehr lange Zeit zu verstehen: aus frühen Siedlungen im Gangesraum, aus Handel und Verkehr entlang eines Flussnetzes – und aus einer immer stärker werdenden religiösen Bedeutung.

19. September 2017

Wir waren von Agra mit einem Expresszug nach Varanasi gefahren – allmählich hatte ich sogar Gefallen daran gefunden, so lange Strecken mit der indischen Eisenbahn zurückzulegen. Mit dem Zug in Indien unterwegs zu sein hat sogar ein paar ganz praktische Vorteile – lange Strecken können entspannt zurückgelegt werden, und in der Regel sind die Züge auch recht pünktlich.

Außerdem bekommt man einen sehr „indien-nahen“ Alltag mit- auf den Bahnsteigen sieht man vielfach Reisende, die sich über Nacht ein Quartier eingerichtet haben, weil sie von weither angereist sind und auf ihre Anschlusszüge warten. So kommt hier und da auch einmal ein Gespräch zustande – vielleicht nur eine flüchtige Begegnung, die auch durchaus einmal zu Freundschaft führen kann.

Der Service an Bahnhöfen und in den Zügen ist auch ein besonderes Erlebnis. Chai-Verkäufer oder Chai Walas , wie sie im Indischen heissen, sind fast immer auf den Bahnsteigen zu finden oder sie kommen in die Züge, um Reisende mit warmem Gewürztee („Chai“) oder auch kleinen warmen Imbissen zu versorgen. Das ist gerade morgens oder nachts angenehm, wenn man lange mit der Bahn uinterwegs war – zudem ist es auch sehr preiswert.

Nach gut sieben Stunden hatten wir Varanasi und wenig später auch unser Hotel, das Haifa Hotel erreicht, das sich in der Nähe des Assi Ghats befindet. Von hier aus waren es nur wenige Minuten bis zum Ufer des Ganges, zu welchem wir einen ausgedehnten Spaziergang entlang der verschiedenen Ghats nahmen und so einen ersten Eindruck verschafften.


Varanasi, eingebettet in den Lauf des Ganges, ist mit seinen zahlreichen Tempeln und Schreinen ein uraltes Zentrum hinduistischer Kultur und Spiritualität. Der Ganges selbst wird von Hindus als „Muttergöttin“ verehrt, und in der Stadt gibt es viele Tempel, die ihr gewidmet sind. Varanasi zählt zudem zu den ältesten durchgehend bewohnten Städten der Welt. Man sagt, dass Varanasi – damals als Kashi bekannt – bereits zu der Zeit, als im 6. Jahrhundert v. Chr. Gautam Buddha geboren wurde, eine uralte und blühende Siedlung war.

Die Lage am Fluss Ganges machte den Ort besonders attraktiv: Flusswasser sicherte Nahrung, Bewässerung und Transport, und der Ganges verband Regionen miteinander. So entstanden frühe Orte des Austauschs – Märkte, Rastplätze, kleine Gemeinschaften, die mit der Zeit größer wurden.

In den religiösen Traditionen Indiens bekommt die Stadt zusätzlich einen „Ursprungsmythos“: Varanasi gilt als besonders heiliger Ort, an dem Nähe zum Göttlichen besonders leicht spürbar wird. Viele Erzählungen verknüpfen Landschaft, Fluss und bestimmte heilige Plätze mit Figuren und Handlungen aus der Mythologie. Für mich wurde das nicht nur theoretisch, sondern in der Atmosphäre vor Ort greifbar.

Ich habe Varanasi zweimal in kurzen Abständen besucht, und dadurch bekam die Stadt etwas Besonderes. Der Besuch dieser Stadt war nicht wie eine weitere Station, sondern bot mir die Gelegenheit, mich einzulassen auf die Spiritualität, die in der ganzen Stadt spürbar ist.

Besonders deutlich erlebte ich das bei der allabendlichen Zeremonie des Ganga Aarti: Wenn die Lichter auf dem Wasser zu flimmern beginnen, wenn Gesänge und Bewegungen in einer ruhigen, zugleich intensiven Ordnung zusammenfinden, scheint der Ganges selbst zum Mittelpunkt eines größeren Ganzen zu werden. Genau diese Verbindung von Fluss, Ritual und Herzschlag des Alltags erklärt für viele, warum gerade hier dauerhaft verehrt, gebetet und gehandelt wird.

Historisch beginnt die greifbare Entwicklung dort besonders, wo Religion, Philosophie und politische Macht im Norden Indiens sich über Jahrhunderte überlagerten. Varanasi/Benares wird als Ort des Lernens und Lehrens beschrieben und gewann als Zentrum für geistiges Leben weiter an Gewicht. Mit wachsendem Ansehen zogen Menschen an: Reisende, Händler, Gelehrte, Priester und Handwerker. Aus dieser Mischung aus wirtschaftlichem Nutzen und religiöser Anziehungs-kraft wuchs Schritt für Schritt eine Stadt, die mehr ist als nur ein Ort auf einer Karte.

Sarnath und das “Rad der Lehre”

Den Abschluss der Rundreise bildete ein kurzer Ausflug nach Sarnath, das etwa 10 km nordöstlich von Varanasi liegt und einer der vier wichtigsten Wallfahrtsorte des Buddhismus ist. Hier hielt Buddha, nachdem er in Bodh Gaya die Erleuchtung erlangt hatte, seine erste Predigt und setzte damit das “Rad der Lehre” (Dharmachakra) in Bewegung. Aus dieser Versammlung entstand die erste buddhistische Gemeinschaft, der Sangha.

Zu den bedeutendsten Überresten zählt die Dhamek-Stupa, ein imposanter Backsteinbau aus dem 5./6. Jahrhundert, der vermutlich den genauen Ort der ersten Predigt markiert. Aufgrund seiner Bedeutung als Geburtsort des buddhistischen Sangha zieht Sarnath bis heute Pilger und Touristen aus aller Welt an.


Am nächsten Tag fuhren wir zurück nach Delhi, wo wir den letzten gemeinsamen Nachmittag im Hotel Perfect verbringen sollten. Doch kaum waren wir angekommen, löste sich die Gruppe schon auf – so, als hätten wir zwar drei intensive Wochen miteinander verbracht, uns am Ende der Reise aber nichts mehr zu sagen. Als Fremde waren wir gekommen, und als Fremde gingen wir auch wieder.

Genau dieses Gefühl hatte mich während der ganzen Zeit nicht losgelassen: dass uns eigentlich nichts miteinander verband. Es waren also nicht nur die anfänglichen sprachlichen Hindernisse, die uns trennten, sondern wohl auch ein fehlendes gegenseitiges Interesse und der Mangel an echtem Gedankenaustausch. Lag es am Altersunterschied? Oder daran, dass wir zu unterschiedliche Erwartungen an die Reise hatten?

Ich nutzte jedoch die Gelegenheit, mit unserer Reiseleiterin noch ein paar Worte zu wechseln, und erfuhr, dass auch sie sich eigentlich ein gemeinsames Abendessen zum Ausklang gewünscht hätte. Bei einer letzten Tasse Chai verriet sie mir ganz zum Schluss, dass sie bald heiraten werde – und dass ich als Gast herzlich willkommen sei. Es sollte nicht ganz zwei Jahre dauern, bis ich tatsächlich eine indische Hochzeit miterleben durfte.

Agra – Wie sich Macht in Stein anfühlt

Wenn man nach Agra kommt, ist es erst einmal der Staub, der nach Geschichte schmeckt – und nach einer Menge Abgasen. Man wird regelrecht in Richtung des Taj Mahal geschoben, als gäbe es in dieser Stadt nichts anderes zu sehen

Bei jeder Rundreise gehört der Besuch des Taj Mahal in Agra obligatorisch dazu, was ja auch nicht verwunderlich ist, denn es ist einer der Höhepunkte bei einer Reise nach Indien.

Nicht weit vom Mausoleum entfernt liegt dieses steinerne Manifest der Mogulherrscher jener Zeit, das jeden, der sich ein wenig für Architektur und Kultur interessiert, ebenso begeistern kann, wie das Taj Mahal.

Aber vergesst jetzt einmal für einen Moment die Postkartenmotive vom Taj Mahal. Ja, es ist wunderschön, fast schon surreal. Wenn man wissen will, wie sich Macht in Stein angefühlt hat, muss man an einen anderen Ort in Agra. Das Rote Fort ist der extreme Gegenpol zur zierlichen Eleganz des Mausoleums. Es ist massiv, es ist komplex und es ist ein architektonisches Meisterwerk, das insbesondere mir gezeigt hat, dass Agra weit mehr ist als nur eine einzige berühmte Adresse.

Etwas zur Geschichte

Gegründet wurde Agra von Sikandar Lodi, dem Sultan von Delhi in den Jahren 1501-1504. Die Geschichte der Mogulherrscher in Agra ist eng mit dem Aufstieg des Reiches im 16. Jahrhundert verknüpft. Man kann sie nicht ohne den Kontext von Babur und Humayun verstehen, doch das eigentliche Fundament von Agra wurde durch Akbar den Großen, dem Enkelsohn von Babur gegossen.

Akbar – der Stadtplaner

Als Akbar (Regierungszeit 1556–1605) die Macht übernahm, verwandelte er Agra von einer militärischen Garnison in eine glanzvolle Hauptstadt des Reiches. Seine Rolle war entscheidend:

  • Agra als Machtzentrum: Akbar machte Agra zu seinem Hauptwohnsitz. Er erkannte, dass eine Stadt nicht nur eine Festung, sondern ein Symbol für Verwaltung, Handel und Kultur sein musste.
  • Die Architektur der Integration: Akbar baute das berühmte Agra Fort massiv aus. Er kombinierte rote Sandsteine mit verschiedenen Baustilen (islamisch und hinduistisch), was seine politische Strategie der religiösen Toleranz und Integration widerspiegelte.
  • Fatehpur Sikri: Das wichtigste Projekt Akbars war jedoch die Gründung einer komplett neuen Stadt in der Nähe von Agra: Fatehpur Sikri. Hier wollte er eine ideale Stadt erschaffen, die als administratives und spirituelles Zentrum diente. Da die Stadt jedoch Wassermangel litt, kehrte er später wieder nach Agra zurück.
  • Wirtschaftlicher Aufschwung: Durch die Ansiedlung von Gelehrten, Künstlern und Händlern machte Akbar Agra zu einem Knotenpunkt des Welthandels.

Jahangir-Palast

Innerhalb des Festungskomplexes befindet sich ein Bauwerk, das eine weitaus intimere Geschichte des Mogulreichs erzählt. Es war ein Wohnraum, der eher zum Wohnen als zum Spektakel gedacht war.

Der Jahangir-Palast gehört zu den frühesten erhaltenen Mogul-Wohnpalästen im Roten Fort. Es wurde von Akbar erbaut, der eine ganzheitliche architektonische Vision hatte und den Rajput-Einfluss in der Mogul-Baukunst repräsentiert.

Im Gegensatz zu späteren Mogulpalästen, die reichlich mit Marmor und Pietra Dura eingelegt waren, ist der Jahangir-Palast in der Verzierung zurückhaltend: fein geschnitzte florale und geometrische Motive, kompliziertes Gitterwerk aus Stein (jalis), das kunstvoll gefiltertes Tageslicht in die Innenräume leitet. Schwere, weit auskragende Steinbalkone und die von schlanken Säulen getragenen Chhatris erinnern an die Palastbaukunst Rajasthans – und verweisen auf Akbars bewusste Entscheidung, regionale Handwerkstraditionen in die kaiserliche Architektur zu integrieren.

Der Palast gruppiert sich um zwei Innenhöfe: einen größeren, der einst für zeremonielle Empfänge genutzt wurde, und einen kleineren, intimeren Hof, der als privater Rückzugsraum der kaiserlichen Familie diente. In den seitlichen Flügeln lagen die Gemächer der Frauen des Harems, deren Anordnung traditionell streng hierarchisch war. Auch heute noch spürt man beim Durchschreiten die bewusste Abkehr vom Repräsentativen: Die Räume sind niedrig, die Proportionen menschlich, die Wärme des roten Sandsteins allgegenwärtig.

Anders als sein Vater Akbar, der das Reich durch Eroberung, Verwaltungsreform und ein synkretistisches Religionsverständnis zusammenfügte – und bewusst hinduistische, persische und zentralasiatische Elemente in der kaiserlichen Kultur verschmolz –, war Jahangir ein nach innen gewandterer Herrscher. Schon als Kronprinz führte er zeitweise eine eigene Hofhaltung in Allahabad und stellte sich offen gegen seinen Vater; der Bruch blieb zeitlebens spürbar.

Als Kaiser trat er weniger als Bauherr eines Reiches auf denn als dessen ruhigerer Verwalter – fähig und pragmatisch, dabei von gegenläufigen Neigungen geprägt: ausgeprägte Jagdleidenschaft, eine Vorliebe für Wein und Opium, ein geschulter Blick für Natur und Tierwelt und ein ausgeprägter Schönheitssinn. Seine Liebe galt weniger den Steinen als den Bildern: Unter ihm erreichte die Mogul-Miniaturmalerei – mit Malern wie Mansur und Bishandas – ihren Höhepunkt. Architektur beschäftigte ihn nur am Rand.

Religiös war er konventioneller als Akbar. Sein Vater hatte die Gleichberechtigung der Glaubensrichtungen zum Programm erhoben; Jahangir kehrte stärker zu einer sunnitisch geprägten Linie zurück, ohne indessen in offene Intoleranz abzugleiten. In seiner zweiten Frau Nur Jahan fand er eine kluge Partnerin, die bald selbst die Zügel führte. So zeigt sich im Übergang vom Vater zum Sohn weniger ein Bruch als eine Verschiebung: von der Synthese zur Verfeinerung, von der imperialen Vision zur sinnlichen Wahrnehmung – eine Verschiebung, die auch im zurückhaltenden Charakter des Palasts nachklingt.

Später wurde das Gebäude zum Schauplatz einer leisen, fast tragischen Geschichte: Shah Jahan, der Erbauer des Taj Mahals, verbrachte hier die letzten Jahre seines Lebens in Hausarrest, nachdem ihn sein Sohn Aurangzeb entmachtet hatte. Vom benachbarten Musamman Burj, einem Turm der Festung, soll er seinen Blick über den Yamuna zum Grabmal seiner verstorbenen Frau Mumtaz Mahal gerichtet haben. So verdichtet sich in diesem einen Bauwerk ein Bogen, der vom aufstrebenden Mogulreich bis zu seinem langsamen Erlahmen reicht.

Wer durch den Jahangir-Palast geht, sollte sich Zeit lassen. Die zurückhaltende Schönheit seiner Verzierungen erschließt sich nicht auf den ersten Blick, sondern erst beim langsamen Betrachten. Hier zeigt sich, dass die Baukunst der Moguln nicht nur aus Pracht und Überwältigung bestand – sondern auch aus der Kunst, einem Wohnort Würde und Intimität zu geben.

Agra – Machtzentrum der Moguln

17. September 2017

Bevor sich der Blick auf das Taj Mahal richtet, lohnt es sich, kurz innezuhalten und sich zu vergegenwärtigen, was Agra einst war: nicht Kulisse für ein einzelnes Bauwerk, sondern über Generationen hinweg das eigentliche Herz eines Weltreichs. Hier, am Ufer der Yamuna, regierten die Mogulherrscher über weite Teile des indischen Subkontinents, und die Stadt selbst trägt bis heute die steinernen Spuren dieser Macht.

Agra war einst eine der bedeutendsten Städte des Mogulreichs und zeitweise sogar dessen Hauptstadt. Für das damalige Macht- und Selbstverständnis stehen vor allem das Rote Fort und Fatehpur Sikri. Das Rote Fort zeigt als imposante Festungs- und Palastanlage die politische und militärische Stärke der Mogulherrscher – zugleich ist es ein Ort repräsentativer Architektur und königlichen Lebens.

Ein Stück flussaufwärts erhebt sich das Rote Fort, die einstige Residenz und Machtzentrale, von der aus Akbar, Jahangir und später Shah Jahan ihr Reich lenkten – über das ich an anderer Stelle bereits ausführlicher geschrieben habe.

https://www.diesehnsuchtnachderferne.blog/faszination-nordindien-agra/

Und nur wenige Kilometer entfernt liegt Fatehpur Sikri, jene für kurze Zeit glanzvolle, dann ebenso schnell wieder verlassene Hauptstadt Akbars, deren rote Sandsteinpaläste bis heute wie ein Traum aus Stein in der Landschaft stehen.

Birbal-Palast

Akbar der Große, einer der bedeutendsten Herrscher des Mogulreiches, dehnte das Reich in seiner fast 50-jährigen Regierungszeit erheblich aus und war für seine religiöse Toleranz bekannt – ein Ansatz, der sich auch in der Architektur seiner Bauten widerspiegelt.

Die Gründung von Fatehpur Sikri im Jahr 1571 geht auf eine persönliche Geschichte des Kaisers zurück: Lange Zeit ohne männlichen Erben, suchte Akbar den in der Nähe des Dorfes Sikri lebenden Sufi-Heiligen Shaikh Salim Chishti auf, der ihm die Geburt von drei Söhnen voraussagte. Als 1569 sein erster Sohn Salim – der spätere Kaiser Jahangir – gesund zur Welt kam, verlegte Akbar seine Residenz von Agra hierher. Der Name der Stadt trägt diese Geschichte bis heute in sich: „Sikri” nach dem Dorf des Heiligen, „Fatehpur” – die „Siegesstadt” – nach Akbars erfolgreichem Feldzug gegen das benachbarte Gujarat.

Architektonisch ist Fatehpur Sikri ein Zeugnis von Akbars religiöser Politik: Die Gebäude verbinden hinduistische, islamische und persische Bauelemente zu einem eigenen Mogulstil – rote Sandsteinfassaden, Säulenhallen mit Balkenkonstruktionen wie in hinduistischen Tempeln, daneben Bögen und Kuppeln persischer Prägung. Nur rund 15 Jahre lang diente die Stadt als Hauptstadt des Reiches, bevor sie – vermutlich wegen Wassermangels – wieder aufgegeben wurde. Zurück blieb eine nahezu unversehrte Palast- und Moscheestadt, die bis heute den Zustand jener kurzen Blütezeit bewahrt.

Drei Bauten stechen in Fatehpur Sikri besonders hervor, weil sie Akbars ungewöhnliche Herrschaftsauffassung sichtbar machen:

Der Diwan-i-Khas, die private Audienzhalle, wirkt von außen unscheinbar, birgt innen aber ihre Besonderheit: eine einzelne, reich verzierte Säule in der Mitte des Raumes trägt eine kreisrunde Plattform, von der aus vier Brücken zu den Ecken des Raumes führen. Von dort aus soll Akbar Gelehrten verschiedener Religionen – Muslimen, Hindus, Christen, Parsen, Jains – zugehört haben, die er zu Debatten an seinen Hof einlud. Die Anordnung selbst wird oft als Symbol für Akbars Idee einer zentralen, über den Religionen stehenden Autorität gedeutet.

Der Panch Mahal, ein fünfstöckiger, sich nach oben verjüngender Pavillon, greift die Bauweise buddhistischer Stupas und hinduistischer Tempeltürme auf. Ursprünglich war er vermutlich mit Steinschirmen zwischen den zahlreichen Säulen versehen, hinter denen sich die Frauen des Hofes aufhalten konnten, ohne gesehen zu werden – heute liegt die reine Säulenkonstruktion offen.

Der Jodha-Bai-Palast, benannt nach einer der Ehefrauen Akbars, zeigt am deutlichsten die religiöse Durchmischung des Hofes: Die Innenhöfe und Fassaden orientieren sich an hinduistischer Palastarchitektur, mit blauen Dachziegeln und Elementen, die an Tempelbauten aus Gujarat erinnern – ein architektonisches Zugeständnis an Akbars hinduistische Ehefrau innerhalb der ansonsten islamisch geprägten Palaststadt.

Agra war also längst eine Bühne der Macht, bevor Shah Jahan hier sein berühmtestes Bauwerk errichten ließ. Und vielleicht ist gerade das der Schlüssel, um das Taj Mahal und seine Umgebung richtig einzuordnen: nicht als isoliertes Weltwunder, sondern als letzten, größten Ausdruck einer jahrhundertealten Tradition mogulzeitlicher Baukunst, die diese Stadt schon lange vor ihm geprägt hatte.

Zwei Festungen – Zwei Welten

Die steinernen Wächter von Jaipur

14. September 2017

Majestätisch thronen das Amber Fort und das Nahargarh Fort über der indischen Wüstenstadt Jaipur und erzählen Geschichten von royalem Prunk und strategischer Militärmacht. Während das weltberühmte Amber Fort im Tal mit seinen opulenten Spiegelpalästen und feinen Marmorverzierungen puren Luxus versprüht, fasziniert das höher gelegene Nahargarh Fort als raue, wehrhafte Festung.

Amber, eine Schloss- und Festungsanlage zugleich, war die ehemalige Residenz von Raja Man Singh I., einem der Feldherren des Großmoguls Akbar. Erbaut wurde die Festung Ende des 16. Jahrhunderts auf einem Bergkamm des Aravalli-Gebirges, 11 km von Jaipur entfernt. Wie bei vielen Bauwerken dieser Zeit wurden auch hier vor allem roter Sandstein und Marmor verwendet.

Man erreicht die Festung entweder mit dem Taxi oder, ganz “Indian Style”, mit der Auto-Rikscha. Wir entschieden uns für Letzteres – es fühlte sich authentischer an.

Im Inneren reiht sich ein Hof an den nächsten. Der Jaleb Chowk, der erste Hof diente als Hauptinnenhof, in dem sich die Armeen der Herrscher nach erfolgreichen Schlachten versammelten und ihre Beute präsentierten.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Ganesh Pol, das Tor, durch das man vom öffentlichen in den privaten Teil der Festung gelangt.

Es ist über und über mit floralen Mustern in leuchtenden Farben bemalt, eingerahmt von filigranen Gitterfenstern aus Marmor, hinter denen einst die Frauen des Hofes das Geschehen im Hof beobachten konnten, ohne selbst gesehen zu werden. Namensgebend ist die Darstellung Ganeshas über dem Torbogen, dem Gott, der neue Vorhaben und Anfänge begleitet – passend für den Übergang, den dieses Tor markiert.

Am eindrücklichsten war für uns der Sheesh Mahal, der Spiegelpalast: unzählige kleine, kunstvoll eingesetzte Spiegel und Glasstücke bedecken Wände und Decke – ursprünglich so angelegt, dass schon das Licht einer einzigen Kerze den ganzen Raum zum Glitzern brachte.

Im zweiten Innenhof liegt der Diwan-i-Aam, die Halle der öffentlichen Audienz. Daneben befindet sich ein prächtiger Garten, in dem einst die Damen des Hofes zu flanieren pflegten.

Von den oberen Terrassen aus blickt man über den Maota-See hinweg auf die Bergkette, an der sich die Verteidigungsmauer bis hinüber zum Jaigarh Fort zieht – beide Festungen waren einst durch einen unterirdischen Gang miteinander verbunden.

Nahargarh Fort

Als nächstes besichtigten wir das Nahargarh Fort, das hoch oben auf den Aravalli-Hügeln thront und neben einer beeindruckenden Palastarchitektur auch einen der berühmtesten Panoramablicke über die gesamte “Pink City” von Jaipur bietet. Die Mauern der Festung erstreckten sich über das Aravalli-Gebirge und bildeten eine starke Verteidigungsanlage für Amber. Diese Mauern verbanden diese Festung später mit der Jaigarh-Festung. Erbaut wurde das Fort 1734 von Maharaja Sawai Jai Singh II., dem Gründer von Jaipur und war über die Jahrhunderte niemals erobert worden.

Von der Festung Nahargarh aus blickt man weit in das Tal, das einst das Königreich Amber bildete, und weit darüber hinaus bis über die gesamte Stadt Jaipur. Die Lage macht deutlich, warum der Ort strategisch so wichtig war.

Jal Mahal – Der Wasserpalast

Wie eine Fata Morgana erhebt er sich aus den Fluten, die einen Großteil des Palastes für immer unter sich begraben haben. Es wurde 1750 von Maharaj Madho Singh erbaut und war nie als großer Palast gedacht.

Erbaut wurde er 1750 von Maharaja Madho Singh – und ursprünglich war er gar nicht als Palast gedacht. Der Maharaja wollte sich lediglich eine einfache Unterkunft schaffen, die er bei seinen Entenjagden nutzen konnte. Das Gebäude hat fünf Stockwerke, von denen vier unter Wasser liegen, sobald der See voll ist – nur das oberste Stockwerk bleibt sichtbar.

Jal Mahal
Ja

Auffällig sind die Chhatris, kleine kuppelbedeckte Pavillons (der Sanskrit-Begriff bedeutet so viel wie „Schirm”), die Ecken und Dächer wichtiger Gebäude markieren – ein typisches Element der Mogul-Architektur jener Zeit.

Damit endete für heute das Besichtigungsprogramm und wir freuten uns nun auf das Abendessen, das wir in einem der Restaurants ganz in der Nähe unseres Hotels einnahmen.

Weiter geht es nach Puschkar – Die Heilige Stadt

11. September 2017

Der heutige Tag sollte uns in die “Heilige Stadt” bringen, wo sich rund um das Jahr Tausende von Pilgern einfinden, um sich im See von Sünden frei zu waschen . Puschkar ist im Hinduismus ein besonders bedeutender Pilgerort, da dort einer der wenigen Brahma-Tempel der Welt steht.

Bedeutung des Brahmanentums im Hinduismus

Brahma ist der erste Gott im hinduistischen Triumvirat oder Trimurti. Das Triumvirat besteht aus drei Göttern, die für die Entstehung, Erhaltung und Zerstörung der Welt verantwortlich sind. Brahmas Aufgabe war die Schaffung der Welt und aller Kreaturen während Vishnu als Bewahrer des Universums gilt und Shiva ´s Rolle die des Zerstörers und Neuerschaffenden ist.

Brahma ist heute der am wenigsten verehrte Gott im Hinduismus. Es gibt nur zwei Tempel in ganz Indien, die ihm gewidmet sind, verglichen mit den vielen Tausenden, die den anderen beiden Gottheiten gewidmet sind.

Am frühen Morgen um 5 Uhr wurden wir mit Tuk-Tuks vom Hotel abgeholt und zum Bahnhof von Udaipur gebracht, der gut eine halbe Stunde außerhalb der Stadt liegt. Von hier aus ging es in einer sechsstündigen Fahrt mit einem sehr komfortablen Zug Richtung Ajmer, wo wir in ein Taxi umstiegen, dass uns zu unserem Hotel in Puschkar brachte.

Bereits am Vorabend hatte ich mir im Restaurant, in dem wir gemeinsam zu Abend gegessen hatten, ein Sandwich als Reiseproviant zubereiten lassen. Ich ahnte, dass sich unterwegs so schnell keine Gelegenheit ergeben würde, etwas zu essen zu kaufen.

Inzwischen war ich mit den anderen Teilnehmern der Reisegruppe etwas vertrauter geworden und fühlte mich längst nicht mehr so isoliert wie zu Beginn der Reise. Einen entscheidenden Anteil daran hatte Chewie, eine junge Malaysierin. Sie erklärte mir, warum sich der Rest der Gruppe mir gegenüber oft so distanziert verhielt. Zunächst hatte ich den Altersunterschied dafür verantwortlich gemacht – schließlich lagen rund vierzig Jahre zwischen den meisten Mitreisenden und mir. Doch das war nicht der eigentliche Grund.

Chewie erzählte mir, dass einige der anderen mich für arrogant hielten, weil ich mich kaum an ihren Gesprächen beteiligte. Tatsächlich lag es jedoch daran, dass ich große Schwierigkeiten hatte, ihren australischen Dialekt zu verstehen. Den lebhaften Unterhaltungen konnte ich oft nicht folgen, sodass ich meist schwieg. Erst als Chewie den anderen erklärte, dass mein Schweigen nichts mit Überheblichkeit zu tun hatte, sondern schlicht mit Verständigungsproblemen, änderte sich die Stimmung. Von da an kamen wir uns nach und nach näher.

In Pushkar angekommen, fuhren wir direkt zu unserem Hotel New Park, das etwas außerhalb der kleinen Stadt liegt um uns ein wenig frisch zu machen bevor uns Harshita durch Puschkar führte und uns die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zeigte: den berühmten Brahma-Tempel, sowie den Basar, der sich wie ein lebendiges Band durch die ganze Stadt zieht. Entlang der Hauptstraße reihten sich Souvenirläden, kleine Garküchen und zahlreiche Geschäfte aneinander.

In den Abendstunden füllen sich die indischen Basare mit Menschen – Männer, Frauen, Familien mit ihren Kindern. Erst wenn die Sonne untergegangen ist, erträgt man die allmählich nachlassende Hitze und kann so seine Einkäufe für den alltäglichen Bedarf tätigen.

Die Innenstadt war schnell erkundet und allmählich verspürten wir auch Hunger – wir kehrten in einem der zahlreichen Restaurants ein, die sich rund um den Basar befinden. Von der Dachterrasse des Raju Terrace Garden Restaurant hatten wir einen phantastischen Blick auf den Puschkar See wie auch auf das gegenüber liegende Aravalli Gebirge und den Gurudwara Tempel.

Für den nächsten Morgen war der Aufstieg zum Savitri-Tempel geplant, der auf einem der Hügel oberhalb der Stadt liegt und einen schönen Blick auf den Sonnenaufgang bieten soll. Ich entschied mich jedoch dagegen. Laut Reiseführer war der Aufstieg recht beschwerlich und der Ausblick den Aufwand nicht unbedingt wert.

Jaisalmer -Wo Marmor Geschichten erzählt und Kühe Vortritt haben

Alltagsleben in einer von Festungsmauern umgebenen Stadt

Der Morgen in Jaisalmer beginnt anders als anderswo. Noch bevor die Sonne die Sandstein-fassaden der Festungsstadt in ihr berühmtes goldenes Licht taucht, liegt eine seltsame Stille über den engen Gassen – eine Stille, die sich anfühlt, als hätte jemand die Zeit angehalten, wenn auch nur für kurze Zeit. Schon bald setzt ein lärmender Verkehr ein – Motorräder, Mopeds, Autos zwängen sich durch die engen Gassen und mittendrin immer wieder Kühe, die gemächlich durch die Gassen streifen.

Von außen könnte man den Tempel fast übersehen. Keine goldenen Kuppeln, kein Lärm, kein Gedränge wie anderswo in Indien. Nur eine schlichte Fassade aus gelbem Sandstein, die kaum erahnen lässt, was dahinter wartet.

Der erste Schritt über die Schwelle

Man gibt die Schuhe ab – das ist überall so in Indien. Aber hier legt man, so scheint mir, auch noch etwas anderes ab: die Unruhe, die man mit sich trägt. Mich erfasste ein ähnliches Gefühl wie ich es schon einige Male auch in Buddhistischen Tempeln in Thailand erlebt hatte – eine meditative Ruhe, die alle Gedanken, die sonst im Kopf umherkreisten, auszuschalten vermochte.

Der Haupttempel ist Paraswanath geweiht, dem 23. Tirthankar der Jains, empfängt einen mit einem Rauschen aus weißem Marmor. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was ich sah. Decken, Säulen, Bögen – alles in einem Geflecht aus Ornamenten, das so fein gearbeitet ist, dass man kaum glauben mag, dass Menschenhände das geschaffen haben. Jede Fläche erzählt: Lotusblüten, tanzende Figuren, Götter, Tiere, geometrische Muster, die sich ins Unendliche zu wiederholen scheinen.

Marmor ohne Mörtel

Ein älterer Priester – er sprach ein geduldiges, langsames Englisch – erklärte mir, dass die frühen Teile der Tempel aus einem hellen Dolomitstein gefertigt sind, der mit der Zeit weich wird und sich dadurch noch feiner bearbeiten lässt. Kein Mörtel hält die Teile zusammen. Nur Gewicht, Gleichgewicht, jahrhundertelange handwerkliche Weisheit.

Die Bibliothek – ein vergessener Schatz

Was die wenigsten Reisenden wissen: Unter den Tempeln befindet sich eine der ältesten Jain-Bibliotheken Indiens, das Gyan Bhandar. Gegründet im Jahr 1500, beherbergt sie über 1000 Manuskripte auf Palmblättern und Papier – astronomische Abhandlungen, religiöse Texte, botanische Zeichnungen, alles handgeschrieben, manche Seiten mit Gold und Farben verziert, die nach 600 Jahren noch leuchten.

Jainismus – eine Philosophie des Nicht-Schadens

In den Tagen danach habe ich mehr über den Jainismus gelesen, und vieles, was ich in den Tempeln gespürt hatte, bekam einen Namen. Die Jains glauben an Ahimsa – die absolute Gewaltlosigkeit gegenüber allem Lebendigen. Manche tragen Masken, um keine Insekten einzuatmen. Manche fegen den Boden vor sich, um keine Lebewesen zu zertreten. Es ist eine Radikalität der Sanftheit, die in der heutigen Welt beinahe surreal wirkt.

In den Tempeln spürt man das. Nicht als Ideologie, sondern als Atmosphäre. Als Haltung dem Leben gegenüber.

Jaisalmer, kurz vor dem Abschied

Am letzten Morgen bin ich noch einmal allein hingegangen, früh, bevor die ersten Touristengruppen eintrafen. Das Licht war noch kühl, bläulich fast. Die Tempel lagen im Halbdunkel. Irgendwo brannte eine Öllampe.

Ich sehe den Jainismus als eine Religion, die Mitgefühl und Zurückhaltung sehr ernst nimmt. Für viele Jains bedeutet er, so bewusst wie möglich zu leben und dabei keinem Lebewesen unnötig zu schaden. Auch Disziplin, Einfachheit und innere Reinigung spielen eine große Rolle. Am Ende geht es darum, die Seele zu befreien und ein friedvolles, verantwortungsvolles Leben zu führen.

Ich bin kein Jain. Ich kenne diese Philosophie nur aus der Distanz des Reisenden. Aber ich glaube, dass manche Orte etwas tun, das man nicht erklären kann: Sie erinnern einen daran, wie wenig Lärm es braucht, um etwas Bleibendes zu schaffen.

Jain Tempel und ihre Mythologie

Die kunstvoll geschnitzten Figuren auf den Säulen des Jain-Tempels in Jaisalmer und in Ranakpur repräsentieren keine weltlichen Herrscher, sondern besitzen eine tiefgreifende spirituelle und mythologische Symbolik.

Die weiblichen Figuren in stark geschwungenen, eleganten Tanzposen sind himmlische Tänzerinnen) oder himmlische Schönheiten. Sie symbolisieren höchste spirituelle Freude, Reinheit und göttliche Harmonie.

Nach der Jain-Kosmologie steigen diese himmlischen Wesen aus den Götterwelten herab, um die Geburt, die Erleuchtung und das Wirken der spirituellen Meister zu feiern. Ihre tanzenden Bewegungen visualisieren die ekstatische Hingabe zur göttlichen Wahrheit.

Die Figuren in herrschaftlicherer Haltung, (Yakshas mit Attributen wie Waffen, Lotosblüten oder Krügen in den Händen, stellen Schutzgottheiten, sowohl männlich als auch weiblich dar.Sie bewachen symbolisch die Eingänge, Säulen und heiligen Bereiche des Tempels, um negative Energien abzuwehren und die Gläubigen auf ihrem meditativen Weg zu beschützen.

Begleitfiguren, die Trommeln, Flöten, Zimbeln oder Saiteninstrumente halten, untermalen die himmlische Atmosphäre des Tempels. Musik gilt im östlichen Glauben als eine der reinsten Formen, um das Göttliche zu preisen und den Geist während der Meditation zur Ruhe zu bringen.

Die Schutzgottheiten im Jainismus unterscheiden sich grundlegend von den Göttern des Hinduismus, obwohl sie historisch aus denselben altindischen Naturreligionen stammen. Der Hauptunterschied liegt in ihrer theologischen Machtstellung, ihrer Sterblichkeit und ihrer spirituellen Rolle.

Im Hinduismus gelten die Hauptgötter wie Shiva, Vishnu oder Brahma im als allmächtige kosmische Mächte, Schöpfer und Weltenlenker. Im Jainismus dagegen gibt es keinen Schöpfergott, daraus ergibt sich die Frage:

Wie ist die Welt und der ganze Kosmos entstanden?

Nach Auffassung des Jainismus ist die Welt überhaupt nicht entstanden. Sie wurde von niemandem erschaffen und wird auch niemals enden.Die Jain-Kosmologie basiert auf einer radikalen, ewigen und atheistischen Naturphilosophie, die sich in folgenden Kernpunkten zusammenfassen lässt:

1. Ein ewiges Universum (Anadi-Nidhan)

Das Universum (Loka) ist anadi (ohne Anfang) und nidhan (ohne Ende). Es hat schon immer existiert und existiert aus sich selbst heraus. Da es keinen Anfang gab, lehnt der Jainismus die Existenz eines Schöpfergottes, der die Welt aus dem Nichts erschaffen hat, strikt ab.

2. Die sechs ewigen Substanzen (Dravyas)

Alles im Universum besteht aus der Kombination und ständigen Veränderung von sechs unzerstörbaren, ewigen Grundsubstanzen. Nichts Neues wird erschaffen, und nichts Bestehendes wird vernichtet; die Substanzen wechseln lediglich ihre Form:

  • Jiva: Die lebendige Seele (Bewusstsein), die in Menschen, Tieren, Pflanzen und Kleinstlebewesen existiert.
  • Pudgala: Die tote Materie (Atome, Energie, Körper, Gegenstände).
  • Dharma: Das Prinzip der Bewegung (ermöglicht es Seelen und Materie, sich zu bewegen).
  • Adharma: Das Prinzip der Ruhe (ermöglicht es Seelen und Materie, stillzustehen).
  • Akasha: Der Raum (in dem alles existiert).
  • Kala: Die Zeit (die den ständigen Wandel bewirkt).

3. Der kosmische Zeitzyklus (Kalachakra)

Obwohl das Universum ewig ist, durchläuft es laut Jainismus einen unendlichen, rhythmischen Kreislauf der Zeit, der wie ein kosmisches Uhrpendel oder ein Rad funktioniert. Dieser Zyklus teilt sich in zwei Haupthalbzyklen:

  • Utsarpini: Eine Phase des Aufstiegs, in der sich Wohlstand, Moral, Körpergröße und Lebensdauer der Wesen kontinuierlich verbessern.
  • Avasarpini: Eine Phase des Abstiegs und des Verfalls, in der Tugend, Glück und Lebensqualität schwinden (wir befinden uns laut Jain-Glauben aktuell in diesem absteigenden Zyklus).

In jedem dieser beiden Zyklen erscheinen jeweils die 24 spirituellen Lehrer (Tirthankaras), um den Menschen den Weg zur Befreiung der Seele aus dem ewigen Kreislauf zu zeigen. Sie stehen an der absoluten Spitze der spirituellen Hierarchie.

Yakshas gehören zur Klasse der Himmelswesen. Sie besitzen zwar übermenschliche Kräfte, sind aber weder unsterblich noch erleuchtet. Sie sind genau wie Menschen an ihr Karma und den Kreislauf der Wiedergeburt gebunden.

Warum die Befreiung der Seele (Moksha) das eigentliche Ziel in diesem ewigen Universum ist

Die Befreiung der Seele (Moksha) ist deshalb das höchste Ziel im Jainismus, weil das ewige Universum für die Seele als ein unendlicher Kreislauf des Leidens verstanden wird. Da das Universum keinen Anfang und kein Ende hat, ist eine unbefreite Seele dazu verdammt, für immer in diesem System gefangen zu sein.

Solange eine Seele nicht befreit ist, wandert sie im Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara). Sie durchläuft dabei vier Existenzformen:

  • Als Himmelswesen (Gott/Yaksha)
  • Als Mensch
  • Als Tier oder Pflanze
  • Als Höllenwesen

Selbst die Existenz als Gott im Himmel ist temporär und endet, sobald das gute Karma aufgebraucht ist. Danach folgt der Absturz in tiefere Daseinsformen. Da dieser Kreislauf seit der Ewigkeit andauert, hat jede Seele bereits jede Form des Leidens, des Todes und der Wiedergeburt unzählige Male erlebt. Moksha ist der einzige Ausweg, um dieses ewige Hamsterrad für immer zu verlassen.

Nach der Jain-Philosophie ist jede Seele (Jiva) im Grunde ihres Wesens rein und besitzt vier göttliche Eigenschaften (Ananta Chatushtaya):

  • Unendliches Wissen
  • Unendliche Wahrnehmung
  • Unendliche Kraft
  • Unendliche Glückseligkeit

Im materiellen Universum ist die Seele jedoch von Karma bedeckt. Im Jainismus ist Karma kein abstraktes Gesetz, sondern eine feinstoffliche, klebrige Materie. Jede Tat, jeder Gedanke und jede Emotion (vor allem Gier, Zorn, Stolz und Täuschung) zieht diese Karma-Partikel an, die sich wie eine Schmutzschicht um die Seele legen. Diese Schicht blockiert die natürlichen Eigenschaften der Seele und bindet sie an den physischen Körper.

Die spezifischen Körperhaltungen (Asanas) und Handgesten (Mudras) der Tirthankaras besitzen eine tiefe symbolische Bedeutung. Sie verkörpern die Kernphilosophie der Religion: die vollständige Abkehr von der materiellen Welt, absolute Gelassenheit und den Sieg über die eigenen Leidenschaften.

Was passiert bei Moksha?

Wenn eine Seele durch strikte Gewaltlosigkeit (Ahimsa), Askese und Meditation sämtliches angesammeltes Karma vollständig verbrennt, wird sie absolut rein.

In dem Moment, in dem die Seele frei von jeglicher Materie ist, steigt sie durch ihre natürliche Leichtigkeit an die absolute Spitze des Universums. Dieser Ort wird Siddhashila genannt. Dort verweilt die befreite Seele (Siddha) für alle Ewigkeit in einem Zustand absoluter, unvergänglicher Glückseligkeit und Allwissenheit – ohne jemals wieder einen Körper annehmen oder in das Universum des Leidens zurückkehren zu müssen.

Bildergalerie hier

Die Goldene Stadt inmitten der Thar-Wüste – Jaisalmer

Die Nacht in einem Zelt zu dieser Jahreszeit in der Wüste zu verbringen, war alles andere als komfortabel, da es recht kalt geworden war, aber es hatte irgendwie ja auch einen ganz besonderen Reiz gehabt.

In den Abdendstunden, nach einem ausgiebigen Ritt über die meterhohen Dünen, verbrachten wir noch eine Weile am Lagerfeuer und liessen uns von den Kamelführern zubereitetes Abendessen schmecken …. ein einfachen Linsencurry mit Fladenbrot, dass in einer solchen Umgebung natürlich ganz besonders schmeckte.

Am nächsten Morgen kamen wir recht früh in Jaisalmer an. Nicht zu Unrecht trägt die Stadt den Titel „Goldene Stadt“ Rajasthans. Schon von Weitem leuchtete die auf einem Hügel thronende Festung in warmen Gelbtönen und hob sich eindrucksvoll von der kargen Landschaft der Thar-Wüste ab.

Ansicht auf die Festung von Jaisalmer

Besonders beeindruckt haben mich die prächtigen Havelis, die einst wohlhabenden Kaufmannsfamilien gehörten. Ihre Fassaden aus honigfarbenem Sandstein sind überreich mit filigranen Ornamenten, Balkonen und den für Rajasthan typischen Jharokhas verziert. Aus der Nähe betrachtet wirken die feinen Steinmetzarbeiten fast wie Spitze. Sie zeugen vom Reichtum jener Händler, die einst vom Karawanenhandel zwischen Indien, Zentralasien und dem Nahen Osten profitierten.

Ein besonderer Höhepunkt waren die Jain-Tempel innerhalb der Festungsmauern. Ihre reich verzierten Säulen, kunstvoll gestalteten Decken und fein gearbeiteten Reliefs zählen zu den schönsten Beispielen der Jain-Architektur in Rajasthan. Die stille Atmosphäre in den Tempeln bildete einen angenehmen Kontrast zum geschäftigen Treiben in den Gassen.

Die Tempelkomplexe stammen aus dem 12. bis 15. Jahrhundert und sind für ihre detaillierten Schnitzereien im Dilwara-Stil bekannt.Die Figuren stellen verschiedene Jain-Götter und tanzende Gestalten dar, die aus gelbem Sandstein gefertigt wurden.

Dieser Tempel ist Teil einer Gruppe von sieben miteinander verbundenen Jain-Tempeln in der Festung. Eine Auswahl von Fotografien der Jain-Tempel mit Detailaufnahmen der Steinmetz-arbeiten findet sich in der Fotogalerie hier >>

Untergebracht waren wir im Deepak Guest House, einem kleinen Gästehaus mitten im Fort. Von dort aus ließ sich das Leben in der Altstadt wunderbar beobachten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Abend, an dem wir das Glück hatten, einem einheimischen Musiker zuzuhören, der auf einem Harmonium traditionelle Lieder aus Rajasthan spielte.

Es war keine Darbietung für Touristen, sondern vielmehr ein ungezwungener musikalischer Moment, der die besondere Atmosphäre Jaisalmers für uns auf eindrucksvolle Weise widerspiegelte.

Faszination Nordindien -Beginn der Rundreise

Von Delhi mit dem Zug in das Herz von Rajasthan

Drei Wochen lang sollten wir tief in die faszinierende Welt Rajasthans eintauchen– gemeinsam mit sechs weiteren Teilnehmern auf einer abwechslungsreichen Gruppenreise durch den farbenprächtigen Westen Indiens. Zwischen prachtvollen Palästen, lebhaften Basaren, endlosen Wüstenlandschaften und jahrhundertealten Festungen begegneten wir einer Region voller Kontraste und Geschichten.

Wir fuhren mit dem Zug von Delhi nach Jaisalmer, der ´Goldenen Stadt` inmitten einer Wüste, durch Jaipur mit seinen rosa getünchten Häusern, durch die blau gestrichenen Gassen von Jodhpur und schließlich bis Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges. Jeden Tag gab es etwas Neues zu sehen, und trotz der vielen Stationen blieb immer Zeit für spontane Gespräche, gemeinsames Staunen und Erleben, das bei einer Reise in einer kleineren Gruppe eher Raum für intensivere Erfahrungen lässt .

Im Land der Könige und Paläste

01.September 2017

Am Morgen wechselte ich vom Hotel Prime Balaji in New Delhi zum Hotel Perfect in Karol Bagh, wo ich mit den restlichen Teilnehmern der Reisegruppe von Intrepid für die 22 tägige Rundreise untergebracht worden war. 

Da ich erst gegen Mittag mein Zimmer nutzen konnte, genehmigte ich mir ein Frühstück auf der gemütlichen Dachterasse des Hotels – das sind kleine Reisküchlein, sowie ein gut gewürztes Omelett und Masala Chai, ein stark gesüsster Tee mit Milch und typischen indischen Gewürzen

Das Hotel ist bei Reisegruppen beliebt, weil es zentral liegt und preislich zu den Low Budget Hotels zählt. Mein Zimmer war einfach eingerichtet, verfügte über eine funktionierende, wenn auch etwas laute Klimaanlage, ein sauberes Bett und ein ordentliches Badezimmer.

Um 18:00 fand das erste Treffen mit den anderen Teilnehmern der bevorstehenden Rundreise statt.  Drei der Teilnehmer kamen aus Australien, drei weitere aus Grossbritannien und dazu meine Person. Ich hatte arge Schwierigkeiten, das “Aussie-Englisch” zu verstehen, obwohl ich die Englische Sprache gut beherrschte. Auch Harshita, unsere Reiseleiterin, konnte ich manchmal nicht folgen, da sie für mein Verständnis zu leise sprach und dazu eher einen australischen Akzent hatte, was wohl darauf zurückzuführeen war, dass sie hauptsächlich Reisende aus Australien betreute.

Nachdem der formelle Teil ausreichend besprochen war, konnten wir nun unsere erste gemeinsame Mahlzeit in einem netten kleinen Restaurant einnehmen und uns so zwanglos miteinander bekannt machen.

Am nächsten Morgen begannen wir mit der Erkundungstour in Delhi, die uns zunächst erst einmal nach Alt-Delhi führte, wo wir die Freitagsmoschee besichtigten. Anschliessend fuhren wir mit einer Fahrradriksha weiter zum bekannten Gewürzmarkt in Khari Baoli.

Gewürze wie Kumin, gemahlener Koriander, Fenchel ,schwarzer Pfeffer und natürlich Chilli in riesengroßen Mengen werden hier angeboten. Die Auswahl ist grenzenlos. Dies war ein absolutes Erebnis für unseren Geruchssinn … aus allen Ecken strömte das intensive Aroma von Chilischoten, Currypulver, Kumin und Pfeffer und frisch gemachlenem Koriander.

Von Gewürzmarkt aus gelangten wir leicht zu Fuß zum Sikh Tempel Gurudwara Sis Ganji Sahib, einem der neun historischen Gurudwaras in Delhi.

Der Tempel liegt im Herzen von Chandni Chowk in Alt-Delhi und ist ein wichtiger Sikh-Tempel, der zu Ehren des 9.ten Gurus Tegh Bahadur erbaut wurde. Zu dieser Zeit regierte Aurangzeb, der dritte Sohn von Mogul Shah Jahan. Aurangzeb verfolgte eine orthodoxe islamische Politik und zerstörte viele hinduistische Tempel. Viele Muslime und Hindus wandten sich dem Sikhismus zu, was der Mogul-Kaiser als Bedrohung für seine Herrschaft ansah und ließ so unter anderem den Guru im Jahr 1675 hinrichten, da dieser sich geweigert hatte, zum Islam zu konvertieren.

Wie in jedem Sikh Tempel ist auch hier die Langar-Küche, die Gemeinschaftsküche, zu finden. Gemeinsames kostenloses Essen erfüllt zentrale religiöse, soziale und ethische Funktionen in der Sikh Religion. Hier wird Gleichheit aller Menschen praktiziert, unabhängig von Kaste, Klasse, Geschlecht oder Religion – alle essen zusammen. Der Dienst am Mitmenschen in Form von ehrenamtlicher Hilfe beim Kochen, Servieren und Reinigen und allgemeine Gastfreundschaft ist ein wesentliches Element in der Sikh Religion, die Kastenhierarchien, Aberglauben und Ritualismus gänzlich ablehnt. Der Glaube an einen formlosen, einzigen Gott im monotheistischen Sinne und die Betonung von der Gleichheit der Menschen sind zentrale Themen.

Am späten Nachmittag machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof, denn unser nächstes Reiseziel war Jaisalmer, eine Stadt inmitten der Thar Wüste, deren Sanddünen bis zu 150 Meter hoch sein sollen. Die Zugabteile in Indien sind in verschiedene Klassen unterteilt, ähnlich wie in Europa, also in 1. und 2. Klasse, aber es gibt auch eine 3. Klasse und zusätzlich noch die Schlafabteile, die wiederum auch in Klassen unterteilt sind.

Die Zugfahrt dauerte knappe 19 Stunden, d. h. dass wir erst gegen Mittag am nächsten Tag in Jaisalmer ankommen sollten.

Schon während der Zugfahrt stellte sich heraus, dass sich Gruppen bildeten und ich in gewisser Weise aussen vor war und künftig auch bleiben sollte. Chewie, eine in England lebende Malaysierin hatte bemerkt, dass ich während der langen Fahrt relativ isoliert geblieben war. Während die restlichen Teilnehmer sich in ihre Abteile zurückgezogen hatten und wohl schon schliefen, unterhielt sie sich mit mir … sie konnte ebenso wie ich auch nicht schlafen; so verging schliesslich die Fahrt doch relativ schnell.

Ein Taxi brachte uns zu unserem Guesthouse, dem Deepak, wo wir nur unser sperriges Gepäck abgaben, denn es sollte am Nachmittag direkt zu den Sanddünen gehen, wo wir über Nacht auf einem Campingplatz zelten wollten.

Und was wäre ein Ausflug zu den Sanddünen ohne ein Ausritt hochoben auf dem Rücken eines Kamels ….

Faszination Nordindien – Delhi erkunden

August 2017

Indien in weniger als 4 Wochen bereisen zu wollen, ist allein wegen der riesigen Entfernungen nicht sinnvoll, das begriff ich erstmals, als ich vor gut 5 Jahren nach Indien gereist war. Ich hatte 7 Tage im Norden und 7 Tage im Süden verbracht, was mir nur einen winzig kleinen Einblick von der Vielfältigkeit sowie den geographischen Dimensionen verschafft hatte, aber ich war neugierig geworden und nicht nur das, sondern wollte mehr über dieses Indien, das mein Herz für Indien erwärmt hatte, erfahren und so plante ich meine nächste Rundreise für den Herbst 2017

Nach einiger Online Recherche entschied ich mich für Intrepid, eine australische Reiseagentur, die einen gut organi-sierten Eindruck auf mich machte, ausserdem war für mich ausschlaggebend, dass sie ihre Touren bereits ab einer Mindestteilnehmerzahl von zwei Personen durchführte. Die große Rajasthan-Rundreise sollte 22 Tage dauern und mir die Möglichkeit bieten, zahlreiche Orte des faszinierenden Bundesstaates kennenzulernen.

Die letzten Reisevorbereitungen für meine fünfwöchige Reise nach Indien waren abgeschlossen- das elektronische Visum war beantragt, die notwendigen Impfungen erledigt und die Auswahl des richtigen Gepäcks getroffen. Meine Pack- und Checkliste hatte ich bereits mehrfach kontrolliert. Ein etwas größerer Koffer sowie ein kleinerer sollten mich begleiten – letzterer insbesondere für die dreiwöchige Rundreise. Hinzu kamen ein Tagesrucksack sowie eine kleine Tasche für die Übernachtung im Camp.

Die Reise komplett selbst zu organisieren, kam für mich nicht infrage, da dies wesentlich mehr Aufwand bedeutet hätte. Allein Zug- und Busfahrten müssen in Indien oft lange im Voraus gebucht werden, damit der Reiseablauf auch tatsächlich reibungslos verläuft.

Ein wenig aufgeregt war ich deswegen , weil ich die Rundreise gemeinsam mit mir völlig unbekannten Teilnehmern antreten würde. Weder wusste ich, wie groß die Gruppe sein würde, noch aus welchen Altersgruppen sich die Mitreisenden zusammensetzten. Meine Befürchtung, dass es vielleicht mit meinen Mitreisenden nicht ohne Reibungen ablaufen könnte, war nicht ganz unbegründet, wie sich später heraustellen sollte.

Flug von Hamburg nach Delhi

28. August 2017

Der Abflug vom Hamburger Flughafen nach Delhi via Moskau mit der russischen Airline Aeroflot startete pünktlich um 13.35 und landete gegen 17:15 auf dem Moskauer Sheremetyevo Flughafen, der mir riesiggroß erschien. Ich fürchtete schon, dass die Transferzeit zu knapp bemessen sei aber die Transferwege zu den einzelnen Terminals waren gut und ausser in kyrillischer Schrift auch in englischer Sprache ausgeschildert. Ich benötigte eine gute halbe Stunde, um zu meinem Abflugterminal für Delhi zu gelangen; die Sicherheitskontrollen waren unkompliziert und schnell erledigt.

Ich hatte wenig Gutes über Aeroflot gelesen; ich war mehr als positiv überrascht von der Pünktlichkeit, den unkomplizierten Check- Ins und dem Komfort in beiden Flugzeugen. 

Die Ankunft am Indira Gandhi International Airport in Delhi erfolgte planmäßig gegen 03:30 Uhr morgens. Als ich das Terminal betrat, schlug mir sofort die feuchte, warme Luft entgegen- ein intensives Gemisch aus Kerosin, würzigen Spices und etwas Undefinierbarem, das typisch indisch wirkte. Das Flughafengebäude war zu dieser frühen Stunde noch relativ ruhig , was auch bedeutete, dass die Einreiseformalitäten mit meinem elektronischen Visum schnell erledigt waren. Schon wenige Minuten später war die Identitätskontrolle – Fingerabdrücke und Gesichtsscan abgeschlossen und ich konnte zur Gepäckausgabe gehen, wo meine Koffer bereits auf dem Laufband zu sehen waren. Jetzt musste ich mich nur noch um den Transfer zum Hotel kümmern.

Da ich versäumt hatte, vorab einen Abholservice über das Hotel zu organisieren, blieb mir nichts anderes übrig, als den offiziellen Flughafentaxiservice zu nutzen. Dieser kostete mit 1200 INR, umgerechnet etwa 17 Euro, ungefähr das Doppelte des üblichen Preises. Nach dem langen Flug fehlte mir jedoch die Energie, mit den zahlreichen Taxifahrern, die sich um mich scharten, zu verhandeln. Es war inzwischen fünf Uhr morgens, und mein einziger Wunsch war es, möglichst schnell ins Hotel zu gelangen, um ein paar Stunden zu schlafen.

Zum Glück durfte ich mein Zimmer sofort nach der Ankunft beziehen, obwohl die reguläre Eincheckzeit gegen 8:00 vorgesehen war. Nach einigen Stunden Schlaf fühlte ich mich wieder fit genug, um einen ersten orientierenden Spaziergang rund um den Connaught Place, das geschäftige Herz Delhis, zu unternehmen.

Das Hotel Prime Balaji Deluxe, das ich für zwei Übernachtungen über ein Internetportal gebucht hatte, liegt in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs New Delhi im Stadtteil Paharganj – für mich ideal, da ich später von dort aus weitere Reisepläne verwirklichen wollte.

Nach der Gruppenreise plante ich noch eine zusätzliche Woche allein in Shimla im Bundesstaat Himachal Pradesh zu verbringen. Schon lange hatte ich den Wunsch, einmal mit einem der berühmten „Toy Trains“ im Norden Indiens zu fahren, und nun bot sich die perfekte Gelegenheit dazu. Weitere konkrete Reisepläne hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Das Hotel gefiel mir gut. Zwar war das Zimmer recht klein, doch für ein oder zwei Nächte völlig ausreichend. Das Personal an der Rezeption war freundlich und hilfsbereit. Innerhalb kurzer Zeit war ich mit einer indischen SIM-Karte von Vodafone versorgt und konnte so, ausgestattet mit GPS Navigationssystem , meine Erkundungstour durch Neu-Delhi beginnen.

1. Tag in Delhi

Delhi ist berüchtigt für seine sogenannten „Touts“ – das sind Schlepper, die an nahezu jeder Straßenecke darauf lauern, ahnungslose Touristen in spezielle Reisebüros oder Geschäfte zu lotsen, um dafür eine Provision zu erhalten.

Obwohl ich auf früheren Reisen bereits Erfahrungen mit solchen Schleppern gesammelt hatte, fiel es mir zunächst nicht leicht, sie auf Abstand zu halten. Kaum hundert Meter war ich gelaufen, sprach mich bereits wieder jemand freundlich an – entweder, um mir angeblich den Weg zu erklären oder um mich vor bestimmten Straßen zu warnen, die wegen Demonstrationen oder Feuerwehreinsätzen gesperrt seien.

Mit meiner anerzogenen Höflichkeit kam ich auf diese Weise allerdings nicht besonders weit. Schließlich beschloss ich, sämtliche Begrüßungen und Fragen konsequent zu ignorieren und meinen Weg unbeirrt fortzusetzen.

Eigentlich war ich auf der Suche nach einem offiziellen staatlichen Tourismusbüro. Doch am Ende ließ ich mich doch von einem vermeintlich “hilfsbereiten” Mann in ein angeblich staatlich anerkanntes Reisebüro lotsen, wo ich schließlich einen zweitägigen Delhi-Ausflug für umgerechnet 78 Euro buchte – deutlich teurer, als nötig gewesen wäre. Dennoch wollte ich meine begrenzte Zeit nicht mit weiterer Suche vergeuden, denn die beiden Tage vor Beginn der Rundreise wollte ich intensiv für eigene Besichtigungen in Delhi nutzen.

30. August.2017

Erstes Ziel meines Ausfluges war der Laxmi-Narayan-Tempel in Delhi – ein Heiligtum für Vishnu in seiner Erscheinungsform Narayana und dessen Gemahlin Lakshmi, die hinduistische Göttin des Reichtums, des Glücks und des Wohlstands.

Der Tempel, auch als Birla Mandir bekannt, liegt westlich des Connaught Place und ist gut mit Bus, Metro oder Autorikscha erreichbar. Mahatma Gandhi weihte den Tempel unter der Bedingung ein, dass Menschen aller Kasten und Religionen Zugang zum Tempelgelände erhalten sollten.

Der Tempel kombiniert traditionelle hinduistische Architektur mit klaren weißen Marmorflächen und liegt in einer gepflegten Gartenanlage, die sowohl Gläubige als auch Besucher anzieht.

Anschließend besichtigte ich den Qutb-Minar-Komplex, der nicht nur als ältestes Zeugnis islamischer Herrschaft im Raum Delhi gilt, sondern zugleich einen bedeutenden Meilenstein in der Entwicklung der indischen Architektur darstellt.

Da ich das Qutb Minar und das Humayoun-Mausoleum bereits ausführlicher in meinem Beitrag über die Sehenswürdigkeiten Delhis beschrieben habe, möchte ich an dieser Stelle nur einiges zur Geschichte jener Zeit ergänzen.

Humayun, der zweite Mogulkaiser von Delhi, regierte von 1530 bis 1540 und dann erneut von 1555 bis zu seinem Tod im Jahr 1556. Bekannt für seine Liebe zu Kunst und Architektur, legte er den Grundstein für den kulturellen Höhepunkt des Mogulreichs; zugleich sah er sich jedoch politischer Instabilität und militärischen Niederlagen gegenüber – insbesondere verlor er seinen Thron an Sher Shah Suri, einem bedeutenden paschtunischer Herrscher in Nordindien, der das Mogulreich kurzzeitig unterbrach und die Suriden-Dynastie begründete

Seine schließliche Wiedereinsetzung, die durch persische Unterstützung ermöglicht wurde, bereitete den Boden für die legendäre Herrschaft seines Sohnes Akbar. Humayuns Grabmal in Delhi, das von seiner Witwe in Auftrag gegeben wurde, gilt bis heute als Meisterwerk der Mogul-Architektur.

Wer mehr über den Qutb Minar Komplex und das Humayun Mausoleum erfahren möchte, findet den Bericht hier: https://www.diesehnsuchtnachderferne.blog/nordindien-delhi/

Lodi Gartenkomplex 

In den Lodi Gärten, ein Stadtpark über 360.000 qm verteilt, befindet sich das Grab von  Mohammed Shah, das Grab von Sikandar Lodi, Shisha Gumbad und Bara Gumbas.

Es sind architektonische Werke des 15. Jahrhunderts  der Herrscher der Lodi Dynastie, die über weite Teile von Nordindien und Punjab sowie über die Khyber Pakhtunkhwa Provinz des heutigen Pakistan herrschte ( 1451 bis 1526). Der Garten lädt zu ausgedehnten Spaziergängen ein und ist eine kleine Oase in Delhi, der Stadt, der nachgesagt wird, mittlerweile zu den von am stärksten von Luftverschmutzung betroffenen Städten der ganzen Welt zu gehören.

31. August 2017

Heute stand die Besichtigung des Roten Forts in Alt Delhi, des Raj Ghat Denkmals, welches zu Ehren von Mahatma Gandhi errichtet worden war, auf dem Plan und danach ein Besuch des Lotus Tempels und des Akshardam Tempels in  Neu Delhi .

Rotes Fort

Das Rote Fort ist eine Festungsanlage aus der Zeit der Mogulherrschaft in Indien. Sie wurde für den Mogulkaiser Shah Jahan im 17. Jhdt. erbaut und zählt heute zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Das Rote Fort gehörte ursprünglich in den Siedlungkern Shahjanabad, der über die Jahrhunderte weg mit weiteren Siedlungskernen verschmolz. Die Festung gehörte mit der Freitagsmoschee zu den Gründungsbauten von dem Großmogul Shah Jahan, der auch den Bau des berühmten Taj Mahal Mausoleums in Agra errichten ließ.

Raj Ghat Memorial

Ein Stück südlich des Forts liegt in einem kleinen Park am Ufer des Yamuna die Verbrennungs- und Gedenkstätte für die bedeutendsten Politiker Indiens. 

Raj Ghat MeRa

1948 wurde hier Mahatma Gandhi eingeäschert, 16 Jahre später Indiens erster Premierminister Nehru und Ghandhis Tochter Indira Ghandi und deren Söhne fanden hier auch ihre letzte Ruhestätte. An jedem Freitag, dem Tag seiner Ermordung wird in einer kleinen Feier Ghandi´s gedacht.

Lotus Tempel

Der Architekt Furiburz Sabha wählte den Lotus als Symbol für Hinduismus,Buddhismus, Jainismus und Islam. Anhänger jeden Glaubens können den Tempel besuchen und darin beten oder meditieren. Der Eintritt ist kostenlos. 

Das Bahaitum ist eine weltweit verbreitete Religion mit rund acht Millionen Anhängern, die sich auf die Lehren des Religionsstifters Bahāʾullāh (1817–1892) berufen und nach ihm als Bahai bezeichnet werden.

In ihrem Ursprungsland, dem Iran, bilden die Bahai zwar die größte religiöse Minderheit, sind aber seit jeher starken Verfolgungen ausgesetzt.  Hauptverbreitungsgebiete heute sind Indien, Afrika, Süd- und Nordamerika. 

Danach ging es zu einem der bekanntesten Märkte in Delhi … dem Dilli Haat, der von der Regierung speziell dafür eingerichtet wurde, Handwerkern eine  Plattform zu bieten, um ihre Waren zu verkaufen. Er vermittelt das Gefühl eines traditionellen Dorfmarktes und bietet eine unglaubliche Vielfalt an Geschäften, Marktständen und zahlreichen kleineren Restaurants, in denen für wenige Rupies leckere Mahlzeiten angeboten werden.

Akshardam Tempel

Er ist der drittgrößte Hindutempel Indiens und zieht Millionen von Touristen und Anhänger einer Sekte an, die von Swaminayaran, einem Yogi und Asketen gegründet wurde. Der Bau des Akshardam Tempels dauerte rund 5 Jahre und ist ein Meisterwerk der Architektur.

Folgende Bilder habe ich einer Broschüre, die im Tempel erhältlich ist, entnommen, da Fotografieren im Tempel selbst nicht erlaubt ist.

https://www.diesehnsuchtnachderferne.blog/eine-reise-durch-das-herz-rajasthans-teil-2/: Faszination Nordindien – Delhi erkunden