Es ist der letzte Teil unserer Rundreise durch Nordindien. Eigentlich lag der Schwerpunkt der Reise auf Rajasthan, aber die heilige Stadt am Ganges gehört einfach mit dazu, denn hier erfährt man bei dem abendlichen Ganga Aarti, warum jährlich Tausende von Pilgern nach Varanasi strömen um ihr Heil zu suchen.
Die Entstehung von Benares – heute meist Varanasi genannt – lässt sich nicht wie die Gründung einer Stadt in einem einzigen Datum festnageln. Stattdessen ist sie eher wie das langsame Wachsen eines religiösen und kulturellen Zentrums über sehr lange Zeit zu verstehen: aus frühen Siedlungen im Gangesraum, aus Handel und Verkehr entlang eines Flussnetzes – und aus einer immer stärker werdenden religiösen Bedeutung.
19. September 2017
Wir waren von Agra mit einem Expresszug nach Varanasi gefahren – allmählich hatte ich sogar Gefallen daran gefunden, so lange Strecken mit der indischen Eisenbahn zurückzulegen. Mit dem Zug in Indien unterwegs zu sein hat sogar ein paar ganz praktische Vorteile – lange Strecken können entspannt zurückgelegt werden, und in der Regel sind die Züge auch recht pünktlich.

Außerdem bekommt man einen sehr „indien-nahen“ Alltag mit- auf den Bahnsteigen sieht man vielfach Reisende, die sich über Nacht ein Quartier eingerichtet haben, weil sie von weither angereist sind und auf ihre Anschlusszüge warten. So kommt hier und da auch einmal ein Gespräch zustande – vielleicht nur eine flüchtige Begegnung, die auch durchaus einmal zu Freundschaft führen kann.
Der Service an Bahnhöfen und in den Zügen ist auch ein besonderes Erlebnis. Chai-Verkäufer oder Chai Walas , wie sie im Indischen heissen, sind fast immer auf den Bahnsteigen zu finden oder sie kommen in die Züge, um Reisende mit warmem Gewürztee („Chai“) oder auch kleinen warmen Imbissen zu versorgen. Das ist gerade morgens oder nachts angenehm, wenn man lange mit der Bahn uinterwegs war – zudem ist es auch sehr preiswert.
Nach gut sieben Stunden hatten wir Varanasi und wenig später auch unser Hotel, das Haifa Hotel erreicht, das sich in der Nähe des Assi Ghats befindet. Von hier aus waren es nur wenige Minuten bis zum Ufer des Ganges, zu welchem wir einen ausgedehnten Spaziergang entlang der verschiedenen Ghats nahmen und so einen ersten Eindruck verschafften.
Varanasi, eingebettet in den Lauf des Ganges, ist mit seinen zahlreichen Tempeln und Schreinen ein uraltes Zentrum hinduistischer Kultur und Spiritualität. Der Ganges selbst wird von Hindus als „Muttergöttin“ verehrt, und in der Stadt gibt es viele Tempel, die ihr gewidmet sind. Varanasi zählt zudem zu den ältesten durchgehend bewohnten Städten der Welt. Man sagt, dass Varanasi – damals als Kashi bekannt – bereits zu der Zeit, als im 6. Jahrhundert v. Chr. Gautam Buddha geboren wurde, eine uralte und blühende Siedlung war.
Die Lage am Fluss Ganges machte den Ort besonders attraktiv: Flusswasser sicherte Nahrung, Bewässerung und Transport, und der Ganges verband Regionen miteinander. So entstanden frühe Orte des Austauschs – Märkte, Rastplätze, kleine Gemeinschaften, die mit der Zeit größer wurden.
In den religiösen Traditionen Indiens bekommt die Stadt zusätzlich einen „Ursprungsmythos“: Varanasi gilt als besonders heiliger Ort, an dem Nähe zum Göttlichen besonders leicht spürbar wird. Viele Erzählungen verknüpfen Landschaft, Fluss und bestimmte heilige Plätze mit Figuren und Handlungen aus der Mythologie. Für mich wurde das nicht nur theoretisch, sondern in der Atmosphäre vor Ort greifbar.
Ich habe Varanasi zweimal in kurzen Abständen besucht, und dadurch bekam die Stadt etwas Besonderes. Der Besuch dieser Stadt war nicht wie eine weitere Station, sondern bot mir die Gelegenheit, mich einzulassen auf die Spiritualität, die in der ganzen Stadt spürbar ist.
Besonders deutlich erlebte ich das bei der allabendlichen Zeremonie des Ganga Aarti: Wenn die Lichter auf dem Wasser zu flimmern beginnen, wenn Gesänge und Bewegungen in einer ruhigen, zugleich intensiven Ordnung zusammenfinden, scheint der Ganges selbst zum Mittelpunkt eines größeren Ganzen zu werden. Genau diese Verbindung von Fluss, Ritual und Herzschlag des Alltags erklärt für viele, warum gerade hier dauerhaft verehrt, gebetet und gehandelt wird.
Historisch beginnt die greifbare Entwicklung dort besonders, wo Religion, Philosophie und politische Macht im Norden Indiens sich über Jahrhunderte überlagerten. Varanasi/Benares wird als Ort des Lernens und Lehrens beschrieben und gewann als Zentrum für geistiges Leben weiter an Gewicht. Mit wachsendem Ansehen zogen Menschen an: Reisende, Händler, Gelehrte, Priester und Handwerker. Aus dieser Mischung aus wirtschaftlichem Nutzen und religiöser Anziehungs-kraft wuchs Schritt für Schritt eine Stadt, die mehr ist als nur ein Ort auf einer Karte.
Sarnath und das “Rad der Lehre”
Den Abschluss der Rundreise bildete ein kurzer Ausflug nach Sarnath, das etwa 10 km nordöstlich von Varanasi liegt und einer der vier wichtigsten Wallfahrtsorte des Buddhismus ist. Hier hielt Buddha, nachdem er in Bodh Gaya die Erleuchtung erlangt hatte, seine erste Predigt und setzte damit das “Rad der Lehre” (Dharmachakra) in Bewegung. Aus dieser Versammlung entstand die erste buddhistische Gemeinschaft, der Sangha.



Zu den bedeutendsten Überresten zählt die Dhamek-Stupa, ein imposanter Backsteinbau aus dem 5./6. Jahrhundert, der vermutlich den genauen Ort der ersten Predigt markiert. Aufgrund seiner Bedeutung als Geburtsort des buddhistischen Sangha zieht Sarnath bis heute Pilger und Touristen aus aller Welt an.
Am nächsten Tag fuhren wir zurück nach Delhi, wo wir den letzten gemeinsamen Nachmittag im Hotel Perfect verbringen sollten. Doch kaum waren wir angekommen, löste sich die Gruppe schon auf – so, als hätten wir zwar drei intensive Wochen miteinander verbracht, uns am Ende der Reise aber nichts mehr zu sagen. Als Fremde waren wir gekommen, und als Fremde gingen wir auch wieder.
Genau dieses Gefühl hatte mich während der ganzen Zeit nicht losgelassen: dass uns eigentlich nichts miteinander verband. Es waren also nicht nur die anfänglichen sprachlichen Hindernisse, die uns trennten, sondern wohl auch ein fehlendes gegenseitiges Interesse und der Mangel an echtem Gedankenaustausch. Lag es am Altersunterschied? Oder daran, dass wir zu unterschiedliche Erwartungen an die Reise hatten?
Ich nutzte jedoch die Gelegenheit, mit unserer Reiseleiterin noch ein paar Worte zu wechseln, und erfuhr, dass auch sie sich eigentlich ein gemeinsames Abendessen zum Ausklang gewünscht hätte. Bei einer letzten Tasse Chai verriet sie mir ganz zum Schluss, dass sie bald heiraten werde – und dass ich als Gast herzlich willkommen sei. Es sollte nicht ganz zwei Jahre dauern, bis ich tatsächlich eine indische Hochzeit miterleben durfte.


























































