Letzte Eindrücke in Nordindien

11. April 2014
Abschied von Jaipur

Während der siebentägigen Rundreise durch Nordindien boten die langen Fahrten zwischen den Städten Rajasthans reichlich Gelegenheit für Gespräche mit meinem Reiseleiter Harendra. Er gestand mir, dass es seine erste Begleitung eines Individualreisenden sei und er im Vorfeld Sorge gehabt habe, meinen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Kollegen hätten ihm erzählt, insbesondere deutsche Touristen seien oft sehr anspruchsvoll. Umso überraschter war er, dass ich – wie er sagte – „ganz anders“ sei, als er es befürchtet hatte.

Mit der Zeit wurden unsere Gespräche persönlicher. Die vielen gemeinsamen Stunden im Auto schufen eine gewisse Vertrautheit, die es mir am letzten Tag ermöglichte, ein heikles Thema anzusprechen: die Frage nach sexueller Gewalt in Indien.

Auslöser dafür war eine kleine, zunächst unscheinbare Beobachtung: Während einer Fahrt hatte ich am Dachhimmel unseres Fahrzeugs mehrere Stecknadeln entdeckt und mich gefragt, wer sie dort angebracht haben könnte – und aus welchem Grund.

Diese Entdeckung erinnerte mich an Berichte aus Ägypten, wonach junge Frauen häufig zusätzliche Stecknadeln in ihrem Hijab verstecken, um sich im Notfall gegen Übergriffe zur Wehr setzen zu können – etwa in überfüllten Verkehrsmitteln oder Taxis.

In diesem Zusammenhang musste ich auch an den ägyptischen Film Cairo 678 denken, der eindrücklich schildert, wie drei Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten mit alltäglicher sexueller Belästigung umgehen und schließlich gemeinsam Wege finden, sich dagegen zu wehren. Das Thema ist in vielen Gesellschaften präsent – und wird dennoch oft aus Scham oder Angst verschwiegen.

Vor diesem Hintergrund fragte ich Harendra, ob die Berichte westlicher Medien über häufige Vergewaltigungen in Indien seiner Erfahrung nach zuträfen. Er antwortete ruhig und ohne Ausweichen, dass es sich tatsächlich um ein ernstzunehmendes Problem handle – keineswegs ein neues, sondern eines, das schon lange existiere. Es betreffe sowohl ländliche Regionen als auch Großstädte.

Gleichzeitig, so erklärte er, habe sich in den letzten Jahren etwas verändert: Das Bewusstsein in der Gesellschaft wachse. Immer mehr Frauen und Familien fänden den Mut, Übergriffe nicht länger zu verschweigen, sondern Anzeige zu erstatten. Was früher oft aus Angst vor sozialer Ächtung im Verborgenen blieb, werde heute häufiger öffentlich gemacht – ein schwieriger, aber wichtiger Schritt.


Nach diesem nachdenklichen Gespräch blieb mir das Thema noch eine Weile im Kopf. Es war eines jener Gespräche, die eine Reise über das reine Besichtigen hinaus vertiefen – weil sie Einblicke in gesellschaftliche Realitäten geben, die man als Außenstehende sonst kaum erfassen würde.

Umso willkommener war später der Vorschlag von Harendra, den letzten Abend in einer etwas unbeschwerteren Atmosphäre ausklingen zu lassen. Er empfahl mir einen Besuch im Chokhi Dhani Village, einer weitläufigen Anlage am Stadtrand von Jaipur, die einen Einblick in das traditionelle Dorfleben Rajasthans vermitteln soll.

Den Abschluss bildete ein traditionelles Abendessen, serviert auf großen Metallplatten, bei dem verschiedene regionale Spezialitäten gereicht wurden. In geselliger Runde, umgeben von Stimmengewirr und Musik, klang der Tag schließlich aus – ein ruhiger Gegenpol zu den ernsteren Gedanken des Nachmittags und zugleich ein weiteres Beispiel für die Vielschichtigkeit dieses Landes.

Es ließ sich nicht ganz ausblenden, dass dieses „Dorf“ in erster Linie für Besucher inszeniert ist. Tradition wird hier bewahrt, aber auch bewusst dargestellt, fast wie auf einer Bühne. Vielleicht liegt gerade darin die Ambivalenz solcher Orte: Sie machen Kultur sichtbar und zugänglich – und formen sie zugleich zu einem Erlebnis, das den Erwartungen der Gäste entspricht. Dazu gehörte auch die Darbietung des Kalbeliya Tanzes, ´bei dem die fließenden Bewegung der Tänzerinnen an die von Schlangen erinnerte.