Puschkar -Ein Heiliger See in der Wüste Rajasthans


12. September 2017

Diesen Vormittag, an dem die anderen aus der Reisegruppe hinauf zum Savitri Tempel pilgerten, nutzte ich, um in einem der vielen kleineren Strassenrestaurants , die sich auf dem Weg zum Puschkar – See befinden, mein Frühstück einzunehmen.

Vorher aber machte ich einen Abstecher zu dem für heilig erklärten See, wo ein Priester des Brahma Tempels mich ansprach, um mir die Bedeutung des Tempels und des Sees für Hindus zu erklären. und mir eine hinduistische Segnung gegen eine Spende erteilte.

Der Puschkar See hat für Hindus eine sehr große religiöse Bedeutung. Er gilt als heiliger See und ist eng mit der Legende von Brahma, dem Schöpfergott, verbunden. Der Legende nach entstand der See, als Brahma einen Lotus fallen ließ, der an dieser Stelle einen heiligen Teich bildete. Deshalb gilt das Wasser des Puschkar Sees als reinigend und befreiend von Sünden.

Pilger aus ganz Indien kommen zum See, um dort rituelle Waschungen (Badezeremonien) durchzuführen, besonders während dem Puschkar-Kamel-Festival und anderen religiösen Festen. Das Bad im See soll spirituelle Reinigung bringen und den Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt positiv beeinflussen. Rund um den See befinden sich zahlreiche Tempel und Ghats (Treppenanlagen), wo das religiöse Leben täglich zu beobachten ist.

Der See ist somit ein zentrales Element im spirituellen Leben von Puschkar und ein wichtiger Wallfahrtsort für Hindus, die hier ihre religiösen Pflichten erfüllen und Segen suchen.

Obwohl ich selber dem Hinduismus und auch jeder anderen Religion nie etwas abgewinnen konnte, so hatte ich in meinem Berufsleben als Ärztin aber doch etwas sehr Wichtiges gelernt: Der Glaube an eine übergeordnete “göttliche Macht” hat für viele Menschen etwas Tröstliches und kann Menschen helfen, schwere Schicksalsschläge besser zu ertragen.

Auf dem Weg zum See war ich von zwei Frauen angesprochen worden, die ich anfangs als ein wenig aufdringlich wahrnahm. Sie boten mir kleinere handgefertigte Schmuckstücke an, an denen ich eigentlich kein Interesse hatte, aber um sie zufriedenzustellen, kaufte ich ihnen für wenige Rupees ein paar Fusskettchen ab. Dafür hatte ich die Möglichkeit, sie ganz aus der Nähe zu fotografieren.

Die Kalbeliya-Frauen sind eine ethnische Gemeinschaft, die vor allem in Rajasthan anzutreffen ist. Sie gehören zu den traditionellen Nomadenvölkern der Region und sind bekannt für ihre farbenfrohe, kunstvolle Kleidung und ihren reichen Schmuck. Typisch sind ihre bunt bestickten Gewänder, oft mit Spiegelarbeiten, und auffällige Silber- oder Metallaccessoires, die sie tragen. Sie leben häufig in kleinen, eng verbundenen Gemeinschaften und sind Teil einer Kultur, die stark von Traditionen und Handwerk geprägt ist.

Gegen Nachmittag stiess ich auf die anderen Teilnehmer meiner Gruppe, die von der Besichtigung zum Savitri Tempel zurückgekehrt und auf dem Weg zum Hotelzimmer waren, um sich auszuruhen. Chewie jedoch schloss sich mir an und so streiften wir noch eine Weile gemeinsam durch den Basar und schauten dem geschäftigen Treiben zu.

Zum Abend hin trafen wir uns auf einen gemeinsamen Spaziergang entlang dem Puschkar See und kehrten schliesslich in einem der netten Cafe`s ein, wo wir bei einer Tasse Chai dem Trommelklang eines Musikanten lauschten.

Die Atmosphäre in dem Moment war einladend – zum Innehalten. Das Lächeln des Trommlers, der rhytmische Klang und dazu die Pilger, die im See eintauchten.

Manchmal braucht es nicht mehr als den Schatten eines Baumes und den Klang einer traditionellen Trommel, um die Zeit stillstehen zu lassen. An den Ghats von Puschkar fällt es einem nicht schwer, den Alltag hinter sich zu lassen, die Seele einfach baumeln zu lassen und die Stimmung auf sich einwirken zu lassen.

Wir tauschten unsere Erlebnisse und Erfahrungen des Tages aus und machten uns schließlich auf den Weg zurück zum Hotel. Unser nächstes Ziel war Jaipur – die rosarote Stadt – und der Besuch des Stufenbrunnens in Abhaneri.

Jain Tempel und ihre Mythologie

Die kunstvoll geschnitzten Figuren auf den Säulen des Jain-Tempels in Jaisalmer und in Ranakpur repräsentieren keine weltlichen Herrscher, sondern besitzen eine tiefgreifende spirituelle und mythologische Symbolik.

Die weiblichen Figuren in stark geschwungenen, eleganten Tanzposen sind himmlische Tänzerinnen) oder himmlische Schönheiten. Sie symbolisieren höchste spirituelle Freude, Reinheit und göttliche Harmonie.

Nach der Jain-Kosmologie steigen diese himmlischen Wesen aus den Götterwelten herab, um die Geburt, die Erleuchtung und das Wirken der spirituellen Meister zu feiern. Ihre tanzenden Bewegungen visualisieren die ekstatische Hingabe zur göttlichen Wahrheit.

Die Figuren in herrschaftlicherer Haltung, (Yakshas mit Attributen wie Waffen, Lotosblüten oder Krügen in den Händen, stellen Schutzgottheiten, sowohl männlich als auch weiblich dar.Sie bewachen symbolisch die Eingänge, Säulen und heiligen Bereiche des Tempels, um negative Energien abzuwehren und die Gläubigen auf ihrem meditativen Weg zu beschützen.

Begleitfiguren, die Trommeln, Flöten, Zimbeln oder Saiteninstrumente halten, untermalen die himmlische Atmosphäre des Tempels. Musik gilt im östlichen Glauben als eine der reinsten Formen, um das Göttliche zu preisen und den Geist während der Meditation zur Ruhe zu bringen.

Die Schutzgottheiten im Jainismus unterscheiden sich grundlegend von den Göttern des Hinduismus, obwohl sie historisch aus denselben altindischen Naturreligionen stammen. Der Hauptunterschied liegt in ihrer theologischen Machtstellung, ihrer Sterblichkeit und ihrer spirituellen Rolle.

Im Hinduismus gelten die Hauptgötter wie Shiva, Vishnu oder Brahma im als allmächtige kosmische Mächte, Schöpfer und Weltenlenker. Im Jainismus dagegen gibt es keinen Schöpfergott, daraus ergibt sich die Frage:

Wie ist die Welt und der ganze Kosmos entstanden?

Nach Auffassung des Jainismus ist die Welt überhaupt nicht entstanden. Sie wurde von niemandem erschaffen und wird auch niemals enden.Die Jain-Kosmologie basiert auf einer radikalen, ewigen und atheistischen Naturphilosophie, die sich in folgenden Kernpunkten zusammenfassen lässt:

1. Ein ewiges Universum (Anadi-Nidhan)

Das Universum (Loka) ist anadi (ohne Anfang) und nidhan (ohne Ende). Es hat schon immer existiert und existiert aus sich selbst heraus. Da es keinen Anfang gab, lehnt der Jainismus die Existenz eines Schöpfergottes, der die Welt aus dem Nichts erschaffen hat, strikt ab.

2. Die sechs ewigen Substanzen (Dravyas)

Alles im Universum besteht aus der Kombination und ständigen Veränderung von sechs unzerstörbaren, ewigen Grundsubstanzen. Nichts Neues wird erschaffen, und nichts Bestehendes wird vernichtet; die Substanzen wechseln lediglich ihre Form:

  • Jiva: Die lebendige Seele (Bewusstsein), die in Menschen, Tieren, Pflanzen und Kleinstlebewesen existiert.
  • Pudgala: Die tote Materie (Atome, Energie, Körper, Gegenstände).
  • Dharma: Das Prinzip der Bewegung (ermöglicht es Seelen und Materie, sich zu bewegen).
  • Adharma: Das Prinzip der Ruhe (ermöglicht es Seelen und Materie, stillzustehen).
  • Akasha: Der Raum (in dem alles existiert).
  • Kala: Die Zeit (die den ständigen Wandel bewirkt).

3. Der kosmische Zeitzyklus (Kalachakra)

Obwohl das Universum ewig ist, durchläuft es laut Jainismus einen unendlichen, rhythmischen Kreislauf der Zeit, der wie ein kosmisches Uhrpendel oder ein Rad funktioniert. Dieser Zyklus teilt sich in zwei Haupthalbzyklen:

  • Utsarpini: Eine Phase des Aufstiegs, in der sich Wohlstand, Moral, Körpergröße und Lebensdauer der Wesen kontinuierlich verbessern.
  • Avasarpini: Eine Phase des Abstiegs und des Verfalls, in der Tugend, Glück und Lebensqualität schwinden (wir befinden uns laut Jain-Glauben aktuell in diesem absteigenden Zyklus).

In jedem dieser beiden Zyklen erscheinen jeweils die 24 spirituellen Lehrer (Tirthankaras), um den Menschen den Weg zur Befreiung der Seele aus dem ewigen Kreislauf zu zeigen. Sie stehen an der absoluten Spitze der spirituellen Hierarchie.

Yakshas gehören zur Klasse der Himmelswesen. Sie besitzen zwar übermenschliche Kräfte, sind aber weder unsterblich noch erleuchtet. Sie sind genau wie Menschen an ihr Karma und den Kreislauf der Wiedergeburt gebunden.

Warum die Befreiung der Seele (Moksha) das eigentliche Ziel in diesem ewigen Universum ist

Die Befreiung der Seele (Moksha) ist deshalb das höchste Ziel im Jainismus, weil das ewige Universum für die Seele als ein unendlicher Kreislauf des Leidens verstanden wird. Da das Universum keinen Anfang und kein Ende hat, ist eine unbefreite Seele dazu verdammt, für immer in diesem System gefangen zu sein.

Solange eine Seele nicht befreit ist, wandert sie im Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara). Sie durchläuft dabei vier Existenzformen:

  • Als Himmelswesen (Gott/Yaksha)
  • Als Mensch
  • Als Tier oder Pflanze
  • Als Höllenwesen

Selbst die Existenz als Gott im Himmel ist temporär und endet, sobald das gute Karma aufgebraucht ist. Danach folgt der Absturz in tiefere Daseinsformen. Da dieser Kreislauf seit der Ewigkeit andauert, hat jede Seele bereits jede Form des Leidens, des Todes und der Wiedergeburt unzählige Male erlebt. Moksha ist der einzige Ausweg, um dieses ewige Hamsterrad für immer zu verlassen.

Nach der Jain-Philosophie ist jede Seele (Jiva) im Grunde ihres Wesens rein und besitzt vier göttliche Eigenschaften (Ananta Chatushtaya):

  • Unendliches Wissen
  • Unendliche Wahrnehmung
  • Unendliche Kraft
  • Unendliche Glückseligkeit

Im materiellen Universum ist die Seele jedoch von Karma bedeckt. Im Jainismus ist Karma kein abstraktes Gesetz, sondern eine feinstoffliche, klebrige Materie. Jede Tat, jeder Gedanke und jede Emotion (vor allem Gier, Zorn, Stolz und Täuschung) zieht diese Karma-Partikel an, die sich wie eine Schmutzschicht um die Seele legen. Diese Schicht blockiert die natürlichen Eigenschaften der Seele und bindet sie an den physischen Körper.

Die spezifischen Körperhaltungen (Asanas) und Handgesten (Mudras) der Tirthankaras besitzen eine tiefe symbolische Bedeutung. Sie verkörpern die Kernphilosophie der Religion: die vollständige Abkehr von der materiellen Welt, absolute Gelassenheit und den Sieg über die eigenen Leidenschaften.

Was passiert bei Moksha?

Wenn eine Seele durch strikte Gewaltlosigkeit (Ahimsa), Askese und Meditation sämtliches angesammeltes Karma vollständig verbrennt, wird sie absolut rein.

In dem Moment, in dem die Seele frei von jeglicher Materie ist, steigt sie durch ihre natürliche Leichtigkeit an die absolute Spitze des Universums. Dieser Ort wird Siddhashila genannt. Dort verweilt die befreite Seele (Siddha) für alle Ewigkeit in einem Zustand absoluter, unvergänglicher Glückseligkeit und Allwissenheit – ohne jemals wieder einen Körper annehmen oder in das Universum des Leidens zurückkehren zu müssen.

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