Jaisalmer -Wo Marmor Geschichten erzählt und Kühe Vortritt haben

Alltagsleben in einer von Festungsmauern umgebenen Stadt

Der Morgen in Jaisalmer beginnt anders als anderswo. Noch bevor die Sonne die Sandstein-fassaden der Festungsstadt in ihr berühmtes goldenes Licht taucht, liegt eine seltsame Stille über den engen Gassen – eine Stille, die sich anfühlt, als hätte jemand die Zeit angehalten, wenn auch nur für kurze Zeit. Schon bald setzt ein lärmender Verkehr ein – Motorräder, Mopeds, Autos zwängen sich durch die engen Gassen und mittendrin immer wieder Kühe, die gemächlich durch die Gassen streifen.

Von außen könnte man den Tempel fast übersehen. Keine goldenen Kuppeln, kein Lärm, kein Gedränge wie anderswo in Indien. Nur eine schlichte Fassade aus gelbem Sandstein, die kaum erahnen lässt, was dahinter wartet.

Der erste Schritt über die Schwelle

Man gibt die Schuhe ab – das ist überall so in Indien. Aber hier legt man, so scheint mir, auch noch etwas anderes ab: die Unruhe, die man mit sich trägt. Mich erfasste ein ähnliches Gefühl wie ich es schon einige Male auch in Buddhistischen Tempeln in Thailand erlebt hatte – eine meditative Ruhe, die alle Gedanken, die sonst im Kopf umherkreisten, auszuschalten vermochte.

Der Haupttempel ist Paraswanath geweiht, dem 23. Tirthankar der Jains, empfängt einen mit einem Rauschen aus weißem Marmor. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was ich sah. Decken, Säulen, Bögen – alles in einem Geflecht aus Ornamenten, das so fein gearbeitet ist, dass man kaum glauben mag, dass Menschenhände das geschaffen haben. Jede Fläche erzählt: Lotusblüten, tanzende Figuren, Götter, Tiere, geometrische Muster, die sich ins Unendliche zu wiederholen scheinen.

Marmor ohne Mörtel

Ein älterer Priester – er sprach ein geduldiges, langsames Englisch – erklärte mir, dass die frühen Teile der Tempel aus einem hellen Dolomitstein gefertigt sind, der mit der Zeit weich wird und sich dadurch noch feiner bearbeiten lässt. Kein Mörtel hält die Teile zusammen. Nur Gewicht, Gleichgewicht, jahrhundertelange handwerkliche Weisheit.

Die Bibliothek – ein vergessener Schatz

Was die wenigsten Reisenden wissen: Unter den Tempeln befindet sich eine der ältesten Jain-Bibliotheken Indiens, das Gyan Bhandar. Gegründet im Jahr 1500, beherbergt sie über 1000 Manuskripte auf Palmblättern und Papier – astronomische Abhandlungen, religiöse Texte, botanische Zeichnungen, alles handgeschrieben, manche Seiten mit Gold und Farben verziert, die nach 600 Jahren noch leuchten.

Jainismus – eine Philosophie des Nicht-Schadens

In den Tagen danach habe ich mehr über den Jainismus gelesen, und vieles, was ich in den Tempeln gespürt hatte, bekam einen Namen. Die Jains glauben an Ahimsa – die absolute Gewaltlosigkeit gegenüber allem Lebendigen. Manche tragen Masken, um keine Insekten einzuatmen. Manche fegen den Boden vor sich, um keine Lebewesen zu zertreten. Es ist eine Radikalität der Sanftheit, die in der heutigen Welt beinahe surreal wirkt.

In den Tempeln spürt man das. Nicht als Ideologie, sondern als Atmosphäre. Als Haltung dem Leben gegenüber.

Jaisalmer, kurz vor dem Abschied

Am letzten Morgen bin ich noch einmal allein hingegangen, früh, bevor die ersten Touristengruppen eintrafen. Das Licht war noch kühl, bläulich fast. Die Tempel lagen im Halbdunkel. Irgendwo brannte eine Öllampe.

Ich sehe den Jainismus als eine Religion, die Mitgefühl und Zurückhaltung sehr ernst nimmt. Für viele Jains bedeutet er, so bewusst wie möglich zu leben und dabei keinem Lebewesen unnötig zu schaden. Auch Disziplin, Einfachheit und innere Reinigung spielen eine große Rolle. Am Ende geht es darum, die Seele zu befreien und ein friedvolles, verantwortungsvolles Leben zu führen.

Ich bin kein Jain. Ich kenne diese Philosophie nur aus der Distanz des Reisenden. Aber ich glaube, dass manche Orte etwas tun, das man nicht erklären kann: Sie erinnern einen daran, wie wenig Lärm es braucht, um etwas Bleibendes zu schaffen.