Traditionen und Bräuche in Nepal

Die Tragödie von weiblicher Unreinheit

Diese Eindrücke stammen von meiner Nepalreise im Frühjahr 2014

Chhaupadi Huts sind Hütten, in denen im ländlichen Nepal menstruierende Mädchen/Frauen in Abgeschiedenheit ausharren müssen, bis ihre monatliche Blutung aufhört. Bislang starben jedes Jahr mindestens ein Mädchen oder eine Frau in einer solchen Hütte. Den harschen Temperaturen im Winter ausgesetzt erfroren sie oder erstickten an einer Rauchvergiftung, da sie in den kleinen Hütten eine Feuerstelle errichtet hatten, um sich warmzuhalten. Nun soll es ein Gesetz geben, welches diesen Brauch unter Androhung einer dreimonatigen Haftstrafe verbietet, aber ob dies auch in der Praxis Anwendung findet, ist nicht so sicher.

Frauen und Mädchen werden nicht nur aus dem Haus verbannt, sondern dürfen auch keine Lebensmittel, religiösen Ikonen, Rinder und Männer berühren. Die alte hinduistische Praxis gibt es seit Jahrhunderten in Nepal sowie in Teilen Indiens und Bangladeschs.

Viele Frauen tun es weiter, aus starkem sozialen Druck oder sogar aus Schuldgefühlen, und jeden Abend stapfen Hunderte menstruierender Frauen und Mädchen aus ihren Häusern in Chhaupadi-Hütten über diese welligen grünen Hügel, wo kleine Rauchwolken in den sich verdunkelnden Himmel ziehen.


Religion prägt den Alltag

In Nepal sind Religion und Alltag kaum voneinander zu trennen. Hinduismus und Buddhismus existieren seit Jahrhunderten nebeneinander und beeinflussen sich gegenseitig. Nicht selten stehen hinduistische Tempel und buddhistische Stupas Tür an Tür, und viele Gläubige besuchen beide Heiligtümer mit derselben Selbstverständlichkeit.

Schon am frühen Morgen erfüllen der Klang von Tempelglocken, das Murmeln von Gebeten und der Duft von Räucherstäbchen die Straßen. Vor kleinen Schreinen bringen Familien Blumen, Reis oder rote Tika-Paste als Opfergabe dar und bitten um Schutz und Glück für den neuen Tag.

Für Besucher wirkt diese tiefe Spiritualität oft allgegenwärtig. Für die Menschen in Nepal ist sie hingegen ein selbstverständlicher Bestandteil ihres täglichen Lebens.

Das Kastensystem – offiziell abgeschafft, aber noch immer spürbar

Obwohl das Kastensystem gesetzlich längst abgeschafft wurde, beeinflusst es vielerorts noch immer das gesellschaftliche Leben. Besonders in ländlichen Regionen bestimmen Herkunft und soziale Stellung häufig den Beruf, die Partnerwahl oder den gesellschaftlichen Umgang miteinander.

Vor allem Angehörige niedriger Kasten erfahren bis heute Benachteiligungen, obwohl Diskriminierung offiziell verboten ist. In den Städten verändert sich diese Entwicklung langsam, doch auf dem Land halten sich viele traditionelle Vorstellungen bis heute.

Feste als Ausdruck der Gemeinschaft

Kaum ein anderes Land feiert so viele religiöse Feste wie Nepal. Das bedeutendste Hindu-Fest ist Dashain, bei dem Familien aus dem ganzen Land zusammenkommen. Ältere segnen ihre Kinder und Enkel mit roter Tika und Reis, während Opfergaben und gemeinsames Essen die Feiertage prägen.

Ebenso farbenfroh ist Tihar, das Lichterfest Nepals. Besonders beeindruckend ist dabei, dass an verschiedenen Tagen nicht nur Menschen geehrt werden, sondern auch Tiere wie Krähen, Hunde und Kühe – jedes Tier besitzt nach hinduistischem Glauben eine besondere spirituelle Bedeutung.

Ein persönlicher Gedanke

Die Wochen, die ich mit meinem Gastgeber und Reisebegleiter, Ghanshyam, reiste, lehrten mich, dass Traditionen hier weit mehr sind als alte Bräuche. Sie bestimmen den Alltag, geben den Menschen Orientierung und stiften Gemeinschaft. Manche davon erfüllen mich mit großer Bewunderung, andere – wie die Ausgrenzung menstruierender Frauen – haben mich tief betroffen gemacht.

Mit diesen Gegensätzen und meinem westlich geprägten Verständnis von der Rolle der Frau wurde ich auch auf meinen späteren Reisen durch Indien und Pakistan immer wieder konfrontiert. Sie haben mich nachdenklich gemacht und meinen Blick auf andere Kulturen nachhaltig geprägt.

Autor: Zahra Awada

Reisen bedeutet für mich Freiheit – die Möglichkeit, dem Alltäglichen zu entfliehen, meinen Horizont zu erweitern und mich lebendig zu fühlen. Unterwegs habe ich gelernt, offen für neue Erfahrungen und Begegnungen zu sein. Diese Offenheit hat mir geholfen, mich von Konventionen und Vorurteilen zu lösen und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Jede neue Reise erfordert Mut: den Mut, sich auf Unbekanntes einzulassen, Neues auszuprobieren und mit Menschen in Kontakt zu treten. Gerade darin liegt für mich ihr besonderer Reiz. Die Erinnerungen an meine Reisen sind für mich von unschätzbarem Wert – sie bleiben lebendig und begleiten mich ein Leben lang. Nach vielen Jahren im medizinischen Bereich habe ich meinen Beruf aufgegeben. Seitdem genieße ich die Freiheit, das Leben bewusst zu erleben und die Erfahrungen der vergangenen Jahre mit Dankbarkeit zu betrachten.

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