Chitraltal – Zu Füßen des Hindukusch Gebirges

04. August 2022

Am zweiten Tag begannen wir unsere Reise früh am Morgen mit einem komfortablen SUV, der uns vom Reisebüro inklusive Fahrer zur Verfügung gestellt worden war. Saqib, ein noch recht junger Fahrer, sollte uns die nächsten drei Wochen nicht nur fahren sondern auch auf allen Ausflügen begleiten.

Unser erstes Ziel war das Nagar Fort im Chitral-Tal.

Die Route führte uns zunächst über die recht gut ausgebaute Nationalstraße 45 zum Lowari-Pass, einen 3000 Meter hohen Gebirgspass, der die entlegene Region des Chitraltals und Upper Dir innerhalb der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa miteinander verbindet.

Unterhalb des Lowari-Passes befindet sich der Lowari-Tunnel, der fast 9 Kilometer lang ist und damit einer der längsten Tunnel in Südasien sowie der längste Tunnel Pakistans.

Die Straße schlängelte sich durch die Berge, bis der Lowari-Tunnel uns verschluckte – kühl, dunkel, gefühlt endlos. Nur das dumpfe Grollen des Motors und das schwache Flackern der Tunnellichter begleiteten uns. Dann, unvermittelt, das Tageslicht: Das Chitral-Tal öffnete sich vor uns. Grüne Hänge, schroffe Felsen, und irgendwo da draußen das Nagar Fort – unser nächstes Ziel.

Dass wir uns auf dieser Route so nah an der Grenze zu Afghanistan bewegen würden, war uns vorher nicht richtig bewusst gewesen. Je weiter wir nach Norden vordrangen, desto deutlicher zeigte sich das: Männer in langen traditionellen Gewändern, Frauen vollständig verschleiert – eine Welt, die sich spürbar von allem unterschied, was wir kannten.

Die Kultur dieser Region weist aufgrund ihrer einzigartigen Lage und historischen Verbindungen zu Zentralasien und Europa Spuren griechischer, iranischer, tatarischer und tadschikisch-turkmenischer Einflüsse auf.

Das entlegene Chitraltal hoch oben im Norden Pakistans beheimatet eine der kulturell viel-fältigsten Gemeinschaften der Welt. Hier leben die Kalash, eine der letzten animistischen Völker, deren jahrhundertealte Traditionen in den abgelegenen Seitentälern überdauern. Ihre bunten Gewänder und polytheistischen Rituale stehen im starken Kontrast zur mehrheitlich muslimischen Bevölkerung.

Nach fast sieben Stunden Fahrt lag es endlich vor uns: das Nagar Fort, eine bemerkenswert gut erhaltene Festung auf einem Bergrücken, auf drei Seiten von Wasser umgeben. Der einzige Zugang von der Hauptstraße führt über eine Hängebrücke – ein wankendes Konstrukt aus Seilen und morschen Brettern, das mit jedem Meter, den unser Auto vorwärts kroch, bedrohlicher schwankte. Selbst unser sonst so unerschütterlicher Fahrer wurde merklich stiller. Leise sandte er ein Gebet an Allah, uns heil ans andere Ufer zu bringen.

Schweigend – kein Wort fiel zwischen uns – manövrierte Saqib das Auto Zentimeter für Zentimeter über die schwankende Brücke, bis wir das andere Ufer erreichten. Die Festung war jetzt zum Greifen nah.

Dort wurden wir bereits erwartet. Der Manager des Hotels empfing uns mit einer Herzlichkeit, die nach der langen Fahrt wie ein warmes Willkommen nach Hause wirkte. Nachdem wir unsere Zimmer bezogen hatten, lud man uns in den weitläufigen Garten ein – kleine Häppchen, köstlicher pakistanischer Tee, und endlich Zeit, einfach durchzuatmen.

Die Aussicht tat das Übrige: der Chitral-Fluss zu unseren Füßen, dahinter die Berge, die sich Schicht um Schicht in den Dunst staffelten. Es war eine dieser Landschaften, die einen still werden lassen – nicht aus Erschöpfung, sondern aus purem Staunen.