Reiseberichte

Varanasi -Wo Spiritualität erlebbar wird

Es ist der letzte Teil unserer Rundreise durch Nordindien. Eigentlich lag der Schwerpunkt der Reise auf Rajasthan, aber die heilige Stadt am Ganges gehört einfach mit dazu, denn hier erfährt man bei dem abendlichen Ganga Aarti, warum jährlich Tausende von Pilgern nach Varanasi strömen um ihr Heil zu suchen.

Die Entstehung von Benares – heute meist Varanasi genannt – lässt sich nicht wie die Gründung einer Stadt in einem einzigen Datum festnageln. Stattdessen ist sie eher wie das langsame Wachsen eines religiösen und kulturellen Zentrums über sehr lange Zeit zu verstehen: aus frühen Siedlungen im Gangesraum, aus Handel und Verkehr entlang eines Flussnetzes – und aus einer immer stärker werdenden religiösen Bedeutung.

19. September 2017

Wir waren von Agra mit einem Expresszug nach Varanasi gefahren – allmählich hatte ich sogar Gefallen daran gefunden, so lange Strecken mit der indischen Eisenbahn zurückzulegen. Mit dem Zug in Indien unterwegs zu sein hat sogar ein paar ganz praktische Vorteile – lange Strecken können entspannt zurückgelegt werden, und in der Regel sind die Züge auch recht pünktlich.

Außerdem bekommt man einen sehr „indien-nahen“ Alltag mit- auf den Bahnsteigen sieht man vielfach Reisende, die sich über Nacht ein Quartier eingerichtet haben, weil sie von weither angereist sind und auf ihre Anschlusszüge warten. So kommt hier und da auch einmal ein Gespräch zustande – vielleicht nur eine flüchtige Begegnung, die auch durchaus einmal zu Freundschaft führen kann.

Der Service an Bahnhöfen und in den Zügen ist auch ein besonderes Erlebnis. Chai-Verkäufer oder Chai Walas , wie sie im Indischen heissen, sind fast immer auf den Bahnsteigen zu finden oder sie kommen in die Züge, um Reisende mit warmem Gewürztee („Chai“) oder auch kleinen warmen Imbissen zu versorgen. Das ist gerade morgens oder nachts angenehm, wenn man lange mit der Bahn uinterwegs war – zudem ist es auch sehr preiswert.

Nach gut sieben Stunden hatten wir Varanasi und wenig später auch unser Hotel, das Haifa Hotel erreicht, das sich in der Nähe des Assi Ghats befindet. Von hier aus waren es nur wenige Minuten bis zum Ufer des Ganges, zu welchem wir einen ausgedehnten Spaziergang entlang der verschiedenen Ghats nahmen und so einen ersten Eindruck verschafften.


Varanasi, eingebettet in den Lauf des Ganges, ist mit seinen zahlreichen Tempeln und Schreinen ein uraltes Zentrum hinduistischer Kultur und Spiritualität. Der Ganges selbst wird von Hindus als „Muttergöttin“ verehrt, und in der Stadt gibt es viele Tempel, die ihr gewidmet sind. Varanasi zählt zudem zu den ältesten durchgehend bewohnten Städten der Welt. Man sagt, dass Varanasi – damals als Kashi bekannt – bereits zu der Zeit, als im 6. Jahrhundert v. Chr. Gautam Buddha geboren wurde, eine uralte und blühende Siedlung war.

Die Lage am Fluss Ganges machte den Ort besonders attraktiv: Flusswasser sicherte Nahrung, Bewässerung und Transport, und der Ganges verband Regionen miteinander. So entstanden frühe Orte des Austauschs – Märkte, Rastplätze, kleine Gemeinschaften, die mit der Zeit größer wurden.

In den religiösen Traditionen Indiens bekommt die Stadt zusätzlich einen „Ursprungsmythos“: Varanasi gilt als besonders heiliger Ort, an dem Nähe zum Göttlichen besonders leicht spürbar wird. Viele Erzählungen verknüpfen Landschaft, Fluss und bestimmte heilige Plätze mit Figuren und Handlungen aus der Mythologie. Für mich wurde das nicht nur theoretisch, sondern in der Atmosphäre vor Ort greifbar.

Ich habe Varanasi zweimal in kurzen Abständen besucht, und dadurch bekam die Stadt etwas Besonderes. Der Besuch dieser Stadt war nicht wie eine weitere Station, sondern bot mir die Gelegenheit, mich einzulassen auf die Spiritualität, die in der ganzen Stadt spürbar ist.

Besonders deutlich erlebte ich das bei der allabendlichen Zeremonie des Ganga Aarti: Wenn die Lichter auf dem Wasser zu flimmern beginnen, wenn Gesänge und Bewegungen in einer ruhigen, zugleich intensiven Ordnung zusammenfinden, scheint der Ganges selbst zum Mittelpunkt eines größeren Ganzen zu werden. Genau diese Verbindung von Fluss, Ritual und Herzschlag des Alltags erklärt für viele, warum gerade hier dauerhaft verehrt, gebetet und gehandelt wird.

Historisch beginnt die greifbare Entwicklung dort besonders, wo Religion, Philosophie und politische Macht im Norden Indiens sich über Jahrhunderte überlagerten. Varanasi/Benares wird als Ort des Lernens und Lehrens beschrieben und gewann als Zentrum für geistiges Leben weiter an Gewicht. Mit wachsendem Ansehen zogen Menschen an: Reisende, Händler, Gelehrte, Priester und Handwerker. Aus dieser Mischung aus wirtschaftlichem Nutzen und religiöser Anziehungs-kraft wuchs Schritt für Schritt eine Stadt, die mehr ist als nur ein Ort auf einer Karte.

Sarnath und das “Rad der Lehre”

Den Abschluss der Rundreise bildete ein kurzer Ausflug nach Sarnath, das etwa 10 km nordöstlich von Varanasi liegt und einer der vier wichtigsten Wallfahrtsorte des Buddhismus ist. Hier hielt Buddha, nachdem er in Bodh Gaya die Erleuchtung erlangt hatte, seine erste Predigt und setzte damit das “Rad der Lehre” (Dharmachakra) in Bewegung. Aus dieser Versammlung entstand die erste buddhistische Gemeinschaft, der Sangha.

Zu den bedeutendsten Überresten zählt die Dhamek-Stupa, ein imposanter Backsteinbau aus dem 5./6. Jahrhundert, der vermutlich den genauen Ort der ersten Predigt markiert. Aufgrund seiner Bedeutung als Geburtsort des buddhistischen Sangha zieht Sarnath bis heute Pilger und Touristen aus aller Welt an.


Am nächsten Tag fuhren wir zurück nach Delhi, wo wir den letzten gemeinsamen Nachmittag im Hotel Perfect verbringen sollten. Doch kaum waren wir angekommen, löste sich die Gruppe schon auf – so, als hätten wir zwar drei intensive Wochen miteinander verbracht, uns am Ende der Reise aber nichts mehr zu sagen. Als Fremde waren wir gekommen, und als Fremde gingen wir auch wieder.

Genau dieses Gefühl hatte mich während der ganzen Zeit nicht losgelassen: dass uns eigentlich nichts miteinander verband. Es waren also nicht nur die anfänglichen sprachlichen Hindernisse, die uns trennten, sondern wohl auch ein fehlendes gegenseitiges Interesse und der Mangel an echtem Gedankenaustausch. Lag es am Altersunterschied? Oder daran, dass wir zu unterschiedliche Erwartungen an die Reise hatten?

Ich nutzte jedoch die Gelegenheit, mit unserer Reiseleiterin noch ein paar Worte zu wechseln, und erfuhr, dass auch sie sich eigentlich ein gemeinsames Abendessen zum Ausklang gewünscht hätte. Bei einer letzten Tasse Chai verriet sie mir ganz zum Schluss, dass sie bald heiraten werde – und dass ich als Gast herzlich willkommen sei. Es sollte nicht ganz zwei Jahre dauern, bis ich tatsächlich eine indische Hochzeit miterleben durfte.

Agra – Wie sich Macht in Stein anfühlt

Wenn man nach Agra kommt, ist es erst einmal der Staub, der nach Geschichte schmeckt – und nach einer Menge Abgasen. Man wird regelrecht in Richtung des Taj Mahal geschoben, als gäbe es in dieser Stadt nichts anderes zu sehen

Bei jeder Rundreise gehört der Besuch des Taj Mahal in Agra obligatorisch dazu, was ja auch nicht verwunderlich ist, denn es ist einer der Höhepunkte bei einer Reise nach Indien.

Nicht weit vom Mausoleum entfernt liegt dieses steinerne Manifest der Mogulherrscher jener Zeit, das jeden, der sich ein wenig für Architektur und Kultur interessiert, ebenso begeistern kann, wie das Taj Mahal.

Aber vergesst jetzt einmal für einen Moment die Postkartenmotive vom Taj Mahal. Ja, es ist wunderschön, fast schon surreal. Wenn man wissen will, wie sich Macht in Stein angefühlt hat, muss man an einen anderen Ort in Agra. Das Rote Fort ist der extreme Gegenpol zur zierlichen Eleganz des Mausoleums. Es ist massiv, es ist komplex und es ist ein architektonisches Meisterwerk, das insbesondere mir gezeigt hat, dass Agra weit mehr ist als nur eine einzige berühmte Adresse.

Etwas zur Geschichte

Gegründet wurde Agra von Sikandar Lodi, dem Sultan von Delhi in den Jahren 1501-1504. Die Geschichte der Mogulherrscher in Agra ist eng mit dem Aufstieg des Reiches im 16. Jahrhundert verknüpft. Man kann sie nicht ohne den Kontext von Babur und Humayun verstehen, doch das eigentliche Fundament von Agra wurde durch Akbar den Großen, dem Enkelsohn von Babur gegossen.

Akbar – der Stadtplaner

Als Akbar (Regierungszeit 1556–1605) die Macht übernahm, verwandelte er Agra von einer militärischen Garnison in eine glanzvolle Hauptstadt des Reiches. Seine Rolle war entscheidend:

  • Agra als Machtzentrum: Akbar machte Agra zu seinem Hauptwohnsitz. Er erkannte, dass eine Stadt nicht nur eine Festung, sondern ein Symbol für Verwaltung, Handel und Kultur sein musste.
  • Die Architektur der Integration: Akbar baute das berühmte Agra Fort massiv aus. Er kombinierte rote Sandsteine mit verschiedenen Baustilen (islamisch und hinduistisch), was seine politische Strategie der religiösen Toleranz und Integration widerspiegelte.
  • Fatehpur Sikri: Das wichtigste Projekt Akbars war jedoch die Gründung einer komplett neuen Stadt in der Nähe von Agra: Fatehpur Sikri. Hier wollte er eine ideale Stadt erschaffen, die als administratives und spirituelles Zentrum diente. Da die Stadt jedoch Wassermangel litt, kehrte er später wieder nach Agra zurück.
  • Wirtschaftlicher Aufschwung: Durch die Ansiedlung von Gelehrten, Künstlern und Händlern machte Akbar Agra zu einem Knotenpunkt des Welthandels.

Jahangir-Palast

Innerhalb des Festungskomplexes befindet sich ein Bauwerk, das eine weitaus intimere Geschichte des Mogulreichs erzählt. Es war ein Wohnraum, der eher zum Wohnen als zum Spektakel gedacht war.

Der Jahangir-Palast gehört zu den frühesten erhaltenen Mogul-Wohnpalästen im Roten Fort. Es wurde von Akbar erbaut, der eine ganzheitliche architektonische Vision hatte und den Rajput-Einfluss in der Mogul-Baukunst repräsentiert.

Im Gegensatz zu späteren Mogulpalästen, die reichlich mit Marmor und Pietra Dura eingelegt waren, ist der Jahangir-Palast in der Verzierung zurückhaltend: fein geschnitzte florale und geometrische Motive, kompliziertes Gitterwerk aus Stein (jalis), das kunstvoll gefiltertes Tageslicht in die Innenräume leitet. Schwere, weit auskragende Steinbalkone und die von schlanken Säulen getragenen Chhatris erinnern an die Palastbaukunst Rajasthans – und verweisen auf Akbars bewusste Entscheidung, regionale Handwerkstraditionen in die kaiserliche Architektur zu integrieren.

Der Palast gruppiert sich um zwei Innenhöfe: einen größeren, der einst für zeremonielle Empfänge genutzt wurde, und einen kleineren, intimeren Hof, der als privater Rückzugsraum der kaiserlichen Familie diente. In den seitlichen Flügeln lagen die Gemächer der Frauen des Harems, deren Anordnung traditionell streng hierarchisch war. Auch heute noch spürt man beim Durchschreiten die bewusste Abkehr vom Repräsentativen: Die Räume sind niedrig, die Proportionen menschlich, die Wärme des roten Sandsteins allgegenwärtig.

Anders als sein Vater Akbar, der das Reich durch Eroberung, Verwaltungsreform und ein synkretistisches Religionsverständnis zusammenfügte – und bewusst hinduistische, persische und zentralasiatische Elemente in der kaiserlichen Kultur verschmolz –, war Jahangir ein nach innen gewandterer Herrscher. Schon als Kronprinz führte er zeitweise eine eigene Hofhaltung in Allahabad und stellte sich offen gegen seinen Vater; der Bruch blieb zeitlebens spürbar.

Als Kaiser trat er weniger als Bauherr eines Reiches auf denn als dessen ruhigerer Verwalter – fähig und pragmatisch, dabei von gegenläufigen Neigungen geprägt: ausgeprägte Jagdleidenschaft, eine Vorliebe für Wein und Opium, ein geschulter Blick für Natur und Tierwelt und ein ausgeprägter Schönheitssinn. Seine Liebe galt weniger den Steinen als den Bildern: Unter ihm erreichte die Mogul-Miniaturmalerei – mit Malern wie Mansur und Bishandas – ihren Höhepunkt. Architektur beschäftigte ihn nur am Rand.

Religiös war er konventioneller als Akbar. Sein Vater hatte die Gleichberechtigung der Glaubensrichtungen zum Programm erhoben; Jahangir kehrte stärker zu einer sunnitisch geprägten Linie zurück, ohne indessen in offene Intoleranz abzugleiten. In seiner zweiten Frau Nur Jahan fand er eine kluge Partnerin, die bald selbst die Zügel führte. So zeigt sich im Übergang vom Vater zum Sohn weniger ein Bruch als eine Verschiebung: von der Synthese zur Verfeinerung, von der imperialen Vision zur sinnlichen Wahrnehmung – eine Verschiebung, die auch im zurückhaltenden Charakter des Palasts nachklingt.

Später wurde das Gebäude zum Schauplatz einer leisen, fast tragischen Geschichte: Shah Jahan, der Erbauer des Taj Mahals, verbrachte hier die letzten Jahre seines Lebens in Hausarrest, nachdem ihn sein Sohn Aurangzeb entmachtet hatte. Vom benachbarten Musamman Burj, einem Turm der Festung, soll er seinen Blick über den Yamuna zum Grabmal seiner verstorbenen Frau Mumtaz Mahal gerichtet haben. So verdichtet sich in diesem einen Bauwerk ein Bogen, der vom aufstrebenden Mogulreich bis zu seinem langsamen Erlahmen reicht.

Wer durch den Jahangir-Palast geht, sollte sich Zeit lassen. Die zurückhaltende Schönheit seiner Verzierungen erschließt sich nicht auf den ersten Blick, sondern erst beim langsamen Betrachten. Hier zeigt sich, dass die Baukunst der Moguln nicht nur aus Pracht und Überwältigung bestand – sondern auch aus der Kunst, einem Wohnort Würde und Intimität zu geben.

Agra – Machtzentrum der Moguln

17. September 2017

Bevor sich der Blick auf das Taj Mahal richtet, lohnt es sich, kurz innezuhalten und sich zu vergegenwärtigen, was Agra einst war: nicht Kulisse für ein einzelnes Bauwerk, sondern über Generationen hinweg das eigentliche Herz eines Weltreichs. Hier, am Ufer der Yamuna, regierten die Mogulherrscher über weite Teile des indischen Subkontinents, und die Stadt selbst trägt bis heute die steinernen Spuren dieser Macht.

Agra war einst eine der bedeutendsten Städte des Mogulreichs und zeitweise sogar dessen Hauptstadt. Für das damalige Macht- und Selbstverständnis stehen vor allem das Rote Fort und Fatehpur Sikri. Das Rote Fort zeigt als imposante Festungs- und Palastanlage die politische und militärische Stärke der Mogulherrscher – zugleich ist es ein Ort repräsentativer Architektur und königlichen Lebens.

Ein Stück flussaufwärts erhebt sich das Rote Fort, die einstige Residenz und Machtzentrale, von der aus Akbar, Jahangir und später Shah Jahan ihr Reich lenkten – über das ich an anderer Stelle bereits ausführlicher geschrieben habe.

https://www.diesehnsuchtnachderferne.blog/faszination-nordindien-agra/

Und nur wenige Kilometer entfernt liegt Fatehpur Sikri, jene für kurze Zeit glanzvolle, dann ebenso schnell wieder verlassene Hauptstadt Akbars, deren rote Sandsteinpaläste bis heute wie ein Traum aus Stein in der Landschaft stehen.

Birbal-Palast

Akbar der Große, einer der bedeutendsten Herrscher des Mogulreiches, dehnte das Reich in seiner fast 50-jährigen Regierungszeit erheblich aus und war für seine religiöse Toleranz bekannt – ein Ansatz, der sich auch in der Architektur seiner Bauten widerspiegelt.

Die Gründung von Fatehpur Sikri im Jahr 1571 geht auf eine persönliche Geschichte des Kaisers zurück: Lange Zeit ohne männlichen Erben, suchte Akbar den in der Nähe des Dorfes Sikri lebenden Sufi-Heiligen Shaikh Salim Chishti auf, der ihm die Geburt von drei Söhnen voraussagte. Als 1569 sein erster Sohn Salim – der spätere Kaiser Jahangir – gesund zur Welt kam, verlegte Akbar seine Residenz von Agra hierher. Der Name der Stadt trägt diese Geschichte bis heute in sich: „Sikri” nach dem Dorf des Heiligen, „Fatehpur” – die „Siegesstadt” – nach Akbars erfolgreichem Feldzug gegen das benachbarte Gujarat.

Architektonisch ist Fatehpur Sikri ein Zeugnis von Akbars religiöser Politik: Die Gebäude verbinden hinduistische, islamische und persische Bauelemente zu einem eigenen Mogulstil – rote Sandsteinfassaden, Säulenhallen mit Balkenkonstruktionen wie in hinduistischen Tempeln, daneben Bögen und Kuppeln persischer Prägung. Nur rund 15 Jahre lang diente die Stadt als Hauptstadt des Reiches, bevor sie – vermutlich wegen Wassermangels – wieder aufgegeben wurde. Zurück blieb eine nahezu unversehrte Palast- und Moscheestadt, die bis heute den Zustand jener kurzen Blütezeit bewahrt.

Drei Bauten stechen in Fatehpur Sikri besonders hervor, weil sie Akbars ungewöhnliche Herrschaftsauffassung sichtbar machen:

Der Diwan-i-Khas, die private Audienzhalle, wirkt von außen unscheinbar, birgt innen aber ihre Besonderheit: eine einzelne, reich verzierte Säule in der Mitte des Raumes trägt eine kreisrunde Plattform, von der aus vier Brücken zu den Ecken des Raumes führen. Von dort aus soll Akbar Gelehrten verschiedener Religionen – Muslimen, Hindus, Christen, Parsen, Jains – zugehört haben, die er zu Debatten an seinen Hof einlud. Die Anordnung selbst wird oft als Symbol für Akbars Idee einer zentralen, über den Religionen stehenden Autorität gedeutet.

Der Panch Mahal, ein fünfstöckiger, sich nach oben verjüngender Pavillon, greift die Bauweise buddhistischer Stupas und hinduistischer Tempeltürme auf. Ursprünglich war er vermutlich mit Steinschirmen zwischen den zahlreichen Säulen versehen, hinter denen sich die Frauen des Hofes aufhalten konnten, ohne gesehen zu werden – heute liegt die reine Säulenkonstruktion offen.

Der Jodha-Bai-Palast, benannt nach einer der Ehefrauen Akbars, zeigt am deutlichsten die religiöse Durchmischung des Hofes: Die Innenhöfe und Fassaden orientieren sich an hinduistischer Palastarchitektur, mit blauen Dachziegeln und Elementen, die an Tempelbauten aus Gujarat erinnern – ein architektonisches Zugeständnis an Akbars hinduistische Ehefrau innerhalb der ansonsten islamisch geprägten Palaststadt.

Agra war also längst eine Bühne der Macht, bevor Shah Jahan hier sein berühmtestes Bauwerk errichten ließ. Und vielleicht ist gerade das der Schlüssel, um das Taj Mahal und seine Umgebung richtig einzuordnen: nicht als isoliertes Weltwunder, sondern als letzten, größten Ausdruck einer jahrhundertealten Tradition mogulzeitlicher Baukunst, die diese Stadt schon lange vor ihm geprägt hatte.

Auf dem Weg nach Agra – Stufenbrunnen von Abhaneri

15. September 2017

Der Chand Baori (Stufenbrunnen) liegt etwa 90 km von Jaipur entfernt, deshalb bot es sich an, einen Abstecher dorthin zu machen. Stufenbrunnen sind eine der faszinierendsten indischen Antworten auf ein sehr praktisches Problem: In weiten Teilen Nord- und Westindiens, besonders in Rajasthan, ist Wasser nur während der kurzen Monsunzeit reichlich vorhanden, der Grundwasserspiegel liegt aber oft viele Meter unter der Oberfläche. Ein normaler Brunnenschacht wäre also die meiste Zeit im Jahr nutzlos, weil man gar nicht an das Wasser herankäme. Die Lösung war: Man gräbt nicht nur senkrecht nach unten, sondern baut Treppen mit hinein, sodass man dem sinkenden Wasserspiegel über die Jahreszeiten hinweg einfach hinterher steigen kann – egal ob der Brunnen gerade halb voll oder fast leer ist.

Damit waren Stufenbrunnen aber nie reine Wasserinfrastruktur. Weil es am Grund fünf bis sechs Grad kühler ist als an der Oberfläche, wurden sie zu natürlichen Klimaanlagen und damit zu sozialen Treffpunkten – Frauen holten Wasser, aber man traf sich dort auch, tauschte sich aus, manche Anlagen dienten sogar religiösen Ritualen oder hatten integrierte Tempel. Viele Baoris sind entsprechend aufwendig gestaltet, mit geschnitzten Säulen, Nischen für Gottheiten und Pavillons – Zweckbau und Kunstwerk in einem.


Der Chand Baori in Abhaneri gilt als der größte und tiefste Stufenbrunnen Indiens, mit einer Tiefe von knapp 20 Metern . Der lokalen Überlieferung nach wurde er im 8. oder 9. Jahrhundert von König Chanda errichtet, gesicherte Inschriften dazu gibt es nicht, weshalb sich um seine genaue Entstehung auch einige Legenden ranken.

Auf drei Seiten ziehen sich rund 3.500 Stufen über 13 Stockwerke in die Tiefe, symmetrisch und in einem Zickzackmuster angeordnet, das von oben betrachtet wegen des Licht-Schatten-Spiels auf den Treppen fast hypnotisch wirkt.

Direkt neben dem Brunnen steht der Harshat-Mata-Tempel, gewidmet der hinduistischen Göttin für Spaß und Freude – ein schöner Kontrast zur strengen Geometrie des Brunnens nebenan

Zwei Festungen – Zwei Welten

Die steinernen Wächter von Jaipur

14. September 2017

Majestätisch thronen das Amber Fort und das Nahargarh Fort über der indischen Wüstenstadt Jaipur und erzählen Geschichten von royalem Prunk und strategischer Militärmacht. Während das weltberühmte Amber Fort im Tal mit seinen opulenten Spiegelpalästen und feinen Marmorverzierungen puren Luxus versprüht, fasziniert das höher gelegene Nahargarh Fort als raue, wehrhafte Festung.

Amber, eine Schloss- und Festungsanlage zugleich, war die ehemalige Residenz von Raja Man Singh I., einem der Feldherren des Großmoguls Akbar. Erbaut wurde die Festung Ende des 16. Jahrhunderts auf einem Bergkamm des Aravalli-Gebirges, 11 km von Jaipur entfernt. Wie bei vielen Bauwerken dieser Zeit wurden auch hier vor allem roter Sandstein und Marmor verwendet.

Man erreicht die Festung entweder mit dem Taxi oder, ganz “Indian Style”, mit der Auto-Rikscha. Wir entschieden uns für Letzteres – es fühlte sich authentischer an.

Im Inneren reiht sich ein Hof an den nächsten. Der Jaleb Chowk, der erste Hof diente als Hauptinnenhof, in dem sich die Armeen der Herrscher nach erfolgreichen Schlachten versammelten und ihre Beute präsentierten.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Ganesh Pol, das Tor, durch das man vom öffentlichen in den privaten Teil der Festung gelangt.

Es ist über und über mit floralen Mustern in leuchtenden Farben bemalt, eingerahmt von filigranen Gitterfenstern aus Marmor, hinter denen einst die Frauen des Hofes das Geschehen im Hof beobachten konnten, ohne selbst gesehen zu werden. Namensgebend ist die Darstellung Ganeshas über dem Torbogen, dem Gott, der neue Vorhaben und Anfänge begleitet – passend für den Übergang, den dieses Tor markiert.

Am eindrücklichsten war für uns der Sheesh Mahal, der Spiegelpalast: unzählige kleine, kunstvoll eingesetzte Spiegel und Glasstücke bedecken Wände und Decke – ursprünglich so angelegt, dass schon das Licht einer einzigen Kerze den ganzen Raum zum Glitzern brachte.

Im zweiten Innenhof liegt der Diwan-i-Aam, die Halle der öffentlichen Audienz. Daneben befindet sich ein prächtiger Garten, in dem einst die Damen des Hofes zu flanieren pflegten.

Von den oberen Terrassen aus blickt man über den Maota-See hinweg auf die Bergkette, an der sich die Verteidigungsmauer bis hinüber zum Jaigarh Fort zieht – beide Festungen waren einst durch einen unterirdischen Gang miteinander verbunden.

Nahargarh Fort

Als nächstes besichtigten wir das Nahargarh Fort, das hoch oben auf den Aravalli-Hügeln thront und neben einer beeindruckenden Palastarchitektur auch einen der berühmtesten Panoramablicke über die gesamte “Pink City” von Jaipur bietet. Die Mauern der Festung erstreckten sich über das Aravalli-Gebirge und bildeten eine starke Verteidigungsanlage für Amber. Diese Mauern verbanden diese Festung später mit der Jaigarh-Festung. Erbaut wurde das Fort 1734 von Maharaja Sawai Jai Singh II., dem Gründer von Jaipur und war über die Jahrhunderte niemals erobert worden.

Von der Festung Nahargarh aus blickt man weit in das Tal, das einst das Königreich Amber bildete, und weit darüber hinaus bis über die gesamte Stadt Jaipur. Die Lage macht deutlich, warum der Ort strategisch so wichtig war.

Jal Mahal – Der Wasserpalast

Wie eine Fata Morgana erhebt er sich aus den Fluten, die einen Großteil des Palastes für immer unter sich begraben haben. Es wurde 1750 von Maharaj Madho Singh erbaut und war nie als großer Palast gedacht.

Erbaut wurde er 1750 von Maharaja Madho Singh – und ursprünglich war er gar nicht als Palast gedacht. Der Maharaja wollte sich lediglich eine einfache Unterkunft schaffen, die er bei seinen Entenjagden nutzen konnte. Das Gebäude hat fünf Stockwerke, von denen vier unter Wasser liegen, sobald der See voll ist – nur das oberste Stockwerk bleibt sichtbar.

Jal Mahal
Ja

Auffällig sind die Chhatris, kleine kuppelbedeckte Pavillons (der Sanskrit-Begriff bedeutet so viel wie „Schirm”), die Ecken und Dächer wichtiger Gebäude markieren – ein typisches Element der Mogul-Architektur jener Zeit.

Damit endete für heute das Besichtigungsprogramm und wir freuten uns nun auf das Abendessen, das wir in einem der Restaurants ganz in der Nähe unseres Hotels einnahmen.

Jaipur – die rosarote Stadt

13. September 2017

Die Straße von Ajmer nach Jaipur führt durch das Aravalli-Gebirge, eine der ältesten Gebirgs-ketten Indiens. Von einer imposanten Bergkette darf man sich aber nichts erwarten: Die Aravallis sind über Jahrmillionen abgetragen worden und heute eher sanfte, oft kahle Hügelketten aus rötlich-braunem Gestein. Zwischen den Hügeln liegen trockene Ebenen mit vereinzelten Dornbüschen und Akazien, hier und da eine Kuh oder Ziege am Straßenrand. Die Straße windet sich in leichten Kurven durch dieses Gelände, mal näher an den Felsen vorbei, mal durch offenes Land.

Harshita, unsere Reiseleiterin wirkte auf der Fahrt sehr angespannt. Erst verstand ich nicht, warum. Sie hatte sich bewusst direkt hinter den Fahrer gesetzt und beobachtete ihn während der dreistündigen Busfahrt fortwährend. Später erfuhr ich den Grund: Busfahrer in Indien sind häufig viele Stunden am Stück unterwegs, legen selten Pausen ein und sind dadurch oft übermüdet – manchmal kaum noch fahrtüchtig und nicht selten ereignen sich aus diesem Grund Verkehrs-unfälle.

Nach einigen Stunden lichteten sich die Hügel, und in der Ferne kündigte sich Jaipur an. Diese Stadt ist nicht nur wegen der Festungen Amber und Nahargarh berühmt sondern vor allem wegen der rosaroten Fassaden der Häuser in der Innenstadt, weshalb Jaipur auch als “Pink City” bekannt ist und dies hat eine ganz besondere Bewandtnis.

Ein Blick in die Gründung Jaipurs

Maharaja, Sawai Jai Singh II. ( (1688–1743) war ein bedeutender Herrscher von Amber, jener Festung, die zu dieser Zeit das Machtzentrum der Kachwaha-Rajputen und die ursprüngliche Residenz von Jai Singh II war.

Sawai Jai Singh II. gründete Jaipur als neue Hauptstadt in Rajasthan im Jahr 1727, da Amber mehr Platz bot und zudem auch noch besser planbar war:  Amber war bergig und eng, für eine wachsende Hauptstadt unpraktisch. Jaipur konnte von Anfang an großzügig und geordnet angelegt werden, ausserdem lag der neue Standort günstiger für Handel, Verkehr und militärische Kontrolle. Durch die wachsende Bevölkerung kam es dazu noch zu erheblichen Engpässen bei der Wasserversorgung, was ein weiterer Grund für die Planung einer neuen Hauptstadt war.

Er plante den Bau der modernen Stadt Jaipur unter Einbeziehung von Künstlern, Gelehrten und Architekten mit Fachkenntnissen in Architektur, Mathematik und den alten hinduistischen Schriften zur Stadtplanung.

Jaipur wurde nach den Prinzipien des Vastu Shastra- altindischen Architekturtraditionen – entworfen. Der Aufbau der Stadt war revolutionär in seiner Symmetrie und Funktionalität und unterschied sich von jeder anderen Stadt seiner Zeit.

Vastu Shastra ist die indische Lehre vom Wohnen und leitet sich aus dem Vastu ab, welches sich speziell auf die Gestaltung von Wohnhäusern, Gebäuden, Städten und Landschaften im Einklang mit den Naturgesetzen bezieht.

Somit ist Jaipur ist die erste Stadt in dem Rajputenreich, die auf dem Reissbrett entstanden war. Sie ist zum Teil von einer Mauer umschlossen und über verschiedene Tore zugänglich. Die bekanntesten sind das Ajmeri-Tor, das Sanganeri-Tor und das Chandpole-Tor –, die allesamt mit kunstvollen Schnitzereien im traditionellen Rajputen-Stil sowie natürlich mit dem charakteristischen rosa Anstrich versehen sind.

Um zu verstehen, wie Jaipur zu seinem Beinamen kam, muss man bis ins späte 19. Jahrhundert zurückblicken. Im Jahr 1876 plante der Prince of Wales – der spätere König Edward VII. – eine Reise nach Indien. Maharaja Sawai Ram Singh II., der damalige Herrscher von Jaipur, wollte dem königlichen Gast einen denkbar prachtvollen Empfang bereiten.
In der indischen Kultur steht die Farbe Rosa für Gastfreundschaft und Herzlichkeit. Um den britischen Prinzen zu ehren, ordnete der Maharaja daher in einer beispiellosen Aktion an, die gesamte Stadt – insbesondere den von Mauern umschlossenen Bereich – in einem sanften Terrakotta-Rosa zu streichen.
Noch heute sind die Gebäude in der Altstadt durch eine lokale Verordnung dazu verpflichtet, den rosa Farbton beizubehalten – und bewahren so ein über 140 Jahre altes Erbe.

Das Chandpol Darwaza – was so viel wie „Mondtor“ bedeutet, ist ein Beispiel für die architektonische Brillanz der Rajputen-Ära und der Stadtplanung. Das im frühen 18. Jahrhundert von Maharaja Sawai Jai Singh II. errichtete Chandpol Darwaza diente als wichtiger Zugang, der den westlichen Teil Jaipurs mit dem übrigen Gebiet der „Rosa Stadt“ verband.

Hawa Mahal – Palast der Winde

Das fünfstöckige Gebäude mit der von zahllosen überdachten Balkonerker dominierten Fassade besteht aus rotem Sandstein. Es diente dazu, den Haremsdamen zu ermöglichen, die zu Ehren des Herrschers oder an religiösen Festtagen veranstalteten pompösen Festumzüge zu betrachten, ohne selbst sichtbar zu sein.

Die Fassade, die einem Wabenbau ähnelt, enthält 953 kleine, vergitterte Fenster, die eine ständige, ein wenig kühlende Luftzirkulation gewährleisten, daher der Name Wind-Palast (hawa = Wind, mahal = Palast). Durch die Gitterfenster konnten die Frauen des Hofes, die dem strengen `Purdah` oder Schleiersystem folgten, auf diese Weise unbeobachtet das Treiben auf der Straße verfolgen.

Wir streiften eine ganze Weile durch den Basar, der sich in der Straße befindet, die zum Palast der Winde, dem Hawa Mahal, führt. Ich hatte Jaipur schon einige Jahre zuvor besucht und widmete mich nun ganz dem Fotografieren des Palastes. Die Architektur dieses Bauwerks faszinierte mich besonders, denn sie spiegelt den Zeitgeist und die Kultur jener Epoche wider, in der Moguln und Rajputen-Fürsten herrschten.

Bei meinen jüngeren Mitreisenden war das Interesse an der Geschichte jener Zeit und an der prachtvollen Baukunst weniger ausgeprägt. Sie widmeten sich lieber den unzähligen Läden, die sich hier dicht an dicht reihten – kleine Textilgeschäfte, Juweliere, Souvenirläden. Mich dagegen ließen die Fassaden dieser Häuser, die noch von den Zeiten erzählen, als Kutschen durch die Straßen fuhren, unwillkürlich an die Städte unserer Gegenwart denken. Im Vergleich zu den verspielten Erkern, den filigranen Steinmetzarbeiten und den warmen Rottönen von Jaipur wirken die glatten Glas- und Betonfassaden der heutigen Großstädte auf mich oft kühl und wenig einladend. Es fehlt ihnen, so scheint mir, jene Handschrift, jene Geschichte, die ein Gebäude erst lebendig macht.

Leider ist Jaipur mittlerweile ebenso wie Jodhpur von chaotischem Verkehr und dem dazugehörigen Lärm betroffen. Die Frage, die sich mir dabei stellt, ist, welche Auswirkungen die mit dem stark zugenommenen Straßenerkehr einhergehende Luftverschmutzung auf die historischen Gebäude haben wird.

Nach einem kurzen Aufenthalt in einem der Teastalls im Basar fuhren wir direkt zum Amber Fort, das nur wenige Kilometer vom Hawa Mahal entfernt liegt und leicht mit einer Auto-Rikscha erreichbar ist. Der Fahrer setzte uns unten am Fuße des Hügels ab – den restlichen Weg zum eigentlichen Haupteingang des Amber Forts wanderten wir den Serpentinen entlang hinauf. So bekamen wir einen wunderschönen Rundumblick in auf die Festungsmauern und auf das umliegende Aravalli Gebirge.

Hier geht es weiter >> Zwei Festungen, zwei Welten

https://www.diesehnsuchtnachderferne.blog/zwei-festungen-zwei-welten/

Puschkar -Ein Heiliger See in der Wüste Rajasthans


12. September 2017

Diesen Vormittag, an dem die anderen aus der Reisegruppe hinauf zum Savitri Tempel pilgerten, nutzte ich, um in einem der vielen kleineren Strassenrestaurants , die sich auf dem Weg zum Puschkar – See befinden, mein Frühstück einzunehmen.

Vorher aber machte ich einen Abstecher zu dem für heilig erklärten See, wo ein Priester des Brahma Tempels mich ansprach, um mir die Bedeutung des Tempels und des Sees für Hindus zu erklären. und mir eine hinduistische Segnung gegen eine Spende erteilte.

Der Puschkar See hat für Hindus eine sehr große religiöse Bedeutung. Er gilt als heiliger See und ist eng mit der Legende von Brahma, dem Schöpfergott, verbunden. Der Legende nach entstand der See, als Brahma einen Lotus fallen ließ, der an dieser Stelle einen heiligen Teich bildete. Deshalb gilt das Wasser des Puschkar Sees als reinigend und befreiend von Sünden.

Pilger aus ganz Indien kommen zum See, um dort rituelle Waschungen (Badezeremonien) durchzuführen, besonders während dem Puschkar-Kamel-Festival und anderen religiösen Festen. Das Bad im See soll spirituelle Reinigung bringen und den Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt positiv beeinflussen. Rund um den See befinden sich zahlreiche Tempel und Ghats (Treppenanlagen), wo das religiöse Leben täglich zu beobachten ist.

Der See ist somit ein zentrales Element im spirituellen Leben von Puschkar und ein wichtiger Wallfahrtsort für Hindus, die hier ihre religiösen Pflichten erfüllen und Segen suchen.

Obwohl ich selber dem Hinduismus und auch jeder anderen Religion nie etwas abgewinnen konnte, so hatte ich in meinem Berufsleben als Ärztin aber doch etwas sehr Wichtiges gelernt: Der Glaube an eine übergeordnete “göttliche Macht” hat für viele Menschen etwas Tröstliches und kann Menschen helfen, schwere Schicksalsschläge besser zu ertragen.

Auf dem Weg zum See war ich von zwei Frauen angesprochen worden, die ich anfangs als ein wenig aufdringlich wahrnahm. Sie boten mir kleinere handgefertigte Schmuckstücke an, an denen ich eigentlich kein Interesse hatte, aber um sie zufriedenzustellen, kaufte ich ihnen für wenige Rupees ein paar Fusskettchen ab. Dafür hatte ich die Möglichkeit, sie ganz aus der Nähe zu fotografieren.

Die Kalbeliya-Frauen sind eine ethnische Gemeinschaft, die vor allem in Rajasthan anzutreffen ist. Sie gehören zu den traditionellen Nomadenvölkern der Region und sind bekannt für ihre farbenfrohe, kunstvolle Kleidung und ihren reichen Schmuck. Typisch sind ihre bunt bestickten Gewänder, oft mit Spiegelarbeiten, und auffällige Silber- oder Metallaccessoires, die sie tragen. Sie leben häufig in kleinen, eng verbundenen Gemeinschaften und sind Teil einer Kultur, die stark von Traditionen und Handwerk geprägt ist.

Gegen Nachmittag stiess ich auf die anderen Teilnehmer meiner Gruppe, die von der Besichtigung zum Savitri Tempel zurückgekehrt und auf dem Weg zum Hotelzimmer waren, um sich auszuruhen. Chewie jedoch schloss sich mir an und so streiften wir noch eine Weile gemeinsam durch den Basar und schauten dem geschäftigen Treiben zu.

Zum Abend hin trafen wir uns auf einen gemeinsamen Spaziergang entlang dem Puschkar See und kehrten schliesslich in einem der netten Cafe`s ein, wo wir bei einer Tasse Chai dem Trommelklang eines Musikanten lauschten.

Die Atmosphäre in dem Moment war einladend – zum Innehalten. Das Lächeln des Trommlers, der rhytmische Klang und dazu die Pilger, die im See eintauchten.

Manchmal braucht es nicht mehr als den Schatten eines Baumes und den Klang einer traditionellen Trommel, um die Zeit stillstehen zu lassen. An den Ghats von Puschkar fällt es einem nicht schwer, den Alltag hinter sich zu lassen, die Seele einfach baumeln zu lassen und die Stimmung auf sich einwirken zu lassen.

Wir tauschten unsere Erlebnisse und Erfahrungen des Tages aus und machten uns schließlich auf den Weg zurück zum Hotel. Unser nächstes Ziel war Jaipur – die rosarote Stadt – und der Besuch des Stufenbrunnens in Abhaneri.

Weiter geht es nach Puschkar – Die Heilige Stadt

11. September 2017

Der heutige Tag sollte uns in die “Heilige Stadt” bringen, wo sich rund um das Jahr Tausende von Pilgern einfinden, um sich im See von Sünden frei zu waschen . Puschkar ist im Hinduismus ein besonders bedeutender Pilgerort, da dort einer der wenigen Brahma-Tempel der Welt steht.

Bedeutung des Brahmanentums im Hinduismus

Brahma ist der erste Gott im hinduistischen Triumvirat oder Trimurti. Das Triumvirat besteht aus drei Göttern, die für die Entstehung, Erhaltung und Zerstörung der Welt verantwortlich sind. Brahmas Aufgabe war die Schaffung der Welt und aller Kreaturen während Vishnu als Bewahrer des Universums gilt und Shiva ´s Rolle die des Zerstörers und Neuerschaffenden ist.

Brahma ist heute der am wenigsten verehrte Gott im Hinduismus. Es gibt nur zwei Tempel in ganz Indien, die ihm gewidmet sind, verglichen mit den vielen Tausenden, die den anderen beiden Gottheiten gewidmet sind.

Am frühen Morgen um 5 Uhr wurden wir mit Tuk-Tuks vom Hotel abgeholt und zum Bahnhof von Udaipur gebracht, der gut eine halbe Stunde außerhalb der Stadt liegt. Von hier aus ging es in einer sechsstündigen Fahrt mit einem sehr komfortablen Zug Richtung Ajmer, wo wir in ein Taxi umstiegen, dass uns zu unserem Hotel in Puschkar brachte.

Bereits am Vorabend hatte ich mir im Restaurant, in dem wir gemeinsam zu Abend gegessen hatten, ein Sandwich als Reiseproviant zubereiten lassen. Ich ahnte, dass sich unterwegs so schnell keine Gelegenheit ergeben würde, etwas zu essen zu kaufen.

Inzwischen war ich mit den anderen Teilnehmern der Reisegruppe etwas vertrauter geworden und fühlte mich längst nicht mehr so isoliert wie zu Beginn der Reise. Einen entscheidenden Anteil daran hatte Chewie, eine junge Malaysierin. Sie erklärte mir, warum sich der Rest der Gruppe mir gegenüber oft so distanziert verhielt. Zunächst hatte ich den Altersunterschied dafür verantwortlich gemacht – schließlich lagen rund vierzig Jahre zwischen den meisten Mitreisenden und mir. Doch das war nicht der eigentliche Grund.

Chewie erzählte mir, dass einige der anderen mich für arrogant hielten, weil ich mich kaum an ihren Gesprächen beteiligte. Tatsächlich lag es jedoch daran, dass ich große Schwierigkeiten hatte, ihren australischen Dialekt zu verstehen. Den lebhaften Unterhaltungen konnte ich oft nicht folgen, sodass ich meist schwieg. Erst als Chewie den anderen erklärte, dass mein Schweigen nichts mit Überheblichkeit zu tun hatte, sondern schlicht mit Verständigungsproblemen, änderte sich die Stimmung. Von da an kamen wir uns nach und nach näher.

In Pushkar angekommen, fuhren wir direkt zu unserem Hotel New Park, das etwas außerhalb der kleinen Stadt liegt um uns ein wenig frisch zu machen bevor uns Harshita durch Puschkar führte und uns die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zeigte: den berühmten Brahma-Tempel, sowie den Basar, der sich wie ein lebendiges Band durch die ganze Stadt zieht. Entlang der Hauptstraße reihten sich Souvenirläden, kleine Garküchen und zahlreiche Geschäfte aneinander.

In den Abendstunden füllen sich die indischen Basare mit Menschen – Männer, Frauen, Familien mit ihren Kindern. Erst wenn die Sonne untergegangen ist, erträgt man die allmählich nachlassende Hitze und kann so seine Einkäufe für den alltäglichen Bedarf tätigen.

Die Innenstadt war schnell erkundet und allmählich verspürten wir auch Hunger – wir kehrten in einem der zahlreichen Restaurants ein, die sich rund um den Basar befinden. Von der Dachterrasse des Raju Terrace Garden Restaurant hatten wir einen phantastischen Blick auf den Puschkar See wie auch auf das gegenüber liegende Aravalli Gebirge und den Gurudwara Tempel.

Für den nächsten Morgen war der Aufstieg zum Savitri-Tempel geplant, der auf einem der Hügel oberhalb der Stadt liegt und einen schönen Blick auf den Sonnenaufgang bieten soll. Ich entschied mich jedoch dagegen. Laut Reiseführer war der Aufstieg recht beschwerlich und der Ausblick den Aufwand nicht unbedingt wert.

Udaipur – Die Stadt der Seen

Schon früh am Morgen brachen wir zu unserem nächsten Ziel auf. Gegen 6:30 Uhr brachte uns der Zug von Jodhpur nach Udaipur Harshita hatte bereits unsere nächste Unterkunft gebucht, sodass wir uns darum nicht mehr kümmern mussten. Die rund zehnstündigeFahrt wurde selbst zu einem kleinen Erlebnis: Nach und nach wich die karge Landschaft der Thar-Wüste sanften Hügeln, grünen Feldern und den ersten schimmernden Wasserflächen, die die Nähe Udaipurs ankündigten.

Nach unserer Ankunft bezogen wir unsere Zimmer im Narayan Niwas Haveli, einem traditions-reichen Gästehaus. Mit seinen filigranen Schnitzereien, kleinen Innenhöfen und dem Blick auf den See spiegelte es den besonderen Charme der alten Residenzstadt wider.

Gegen Nachmittag machten wir uns auf den Weg durch die Altstadt. In den schmalen Gassen reihten sich kleine Geschäfte und Werkstätten aneinander, in denen Kunsthandwerker ihre Waren anboten. Der Duft von Gewürzen lag in der Luft, Händler priesen ihre Textilien, Schmuckstücke und Lederwaren an, und zwischen Kühen, Motorrollern und spielenden Kindern entfaltete sich das lebendige Alltagsleben Udaipurs.

Am Ufer des Pichola-Sees liegt das historische Bagore Ki Haveli, das heute nicht nur als Museum dient, sondern sich allabendlich in eine Bühne für die farbenfrohe Kultur Rajasthans verwandelt. Wir waren rechtzeitig am Ticketschalter und konnten uns noch Karten für die abendliche Dharohar-Tanzshow sichern.

Tänze und Musik gaben uns einen Einblick in die Tradition der Region. Zu den Klängen traditioneller Instrumente wirbelten die Tänzerinnen in ihren leuchtenden Gewändern über die Bühne, während verschiedene Volkstänze und Darbietungen die kulturelle Vielfalt der Region lebendig werden ließen.

Am Abend ließen wir uns in einem der zahlreichen Restaurants rund um den See eine typisches Rajasthani- Mahlzeit schmecken – eine Art Fladenbrot (Kulcha),gefüllt mit Spinat und dazu einer Tasse Indian Chai . So liess sich gut die allmählich nachlassende Hitze ertragen.

Während die Stadtlichter sich in der Dunkelheit des Sees brachen und eine stille, sanfte Ruhe über ihn lag, verstand ich, was für viele Besucher Udaipur so besonders macht. Allerding war diese Stadt für mich weniger „romantisch“ wie sie oft beschrieben wird sondern sie war mehr voller Atmosphäre und Schönheit – ein Ort, zu dem ich sehr gern noch einmal zurückkehren möchte.

Dorfbesuch bei den Bishnois


Der Dorfbesuch der Bishnois in Jodhpur war eine eindrucksvolle Erfahrung, die einen tiefen Einblick in die Kultur und Lebensweise dieser faszinierenden Gemeinschaft bot. Bei unserem eintägigen Aufenthalt hatten wir die Gelegenheit, die Gemeinschaft in ihrem natürlichen Umfeld zu erleben und ihre Bräuche und Traditionen hautnah kennenzulernen.

Das Dorf selbst war ein lebendiger Ort, geprägt von bunten Häusern und einem geschäftigen Treiben. Die Menschen waren herzlich und offen, was es uns ermöglichte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und mehr über ihren Alltag zu erfahren. Wir wurden herzlich empfangen und durften an verschiedenen Aktivitäten teilnehmen, die das Leben der Bishnois prägten. Besonders die Kunst des Handwerks spielt in der Gemeinschaft eine bedeutende Rolle. Viele Dorfbewohner sind talentierte Handwerker, die wunderschöne Textilien und kunstvolle Schmuckstücke herstellen.

Die Religionsgemeinschaft der Bishnois  lebt größtenteils in der Thar Wüste in Rajasthan; daneben gibt es sie noch in den benachbarten Bundesstaaten  Gujarat, Haryana, Punjab sowie in Delhi.

Während unseres Aufenthalts hatten wir die Gelegenheit, mehr über die Herausforderungen zu erfahren, mit denen die Bishnois konfrontiert sind, insbesondere im Hinblick auf den Erhalt ihrer Kultur und den Einfluss der modernen Welt. Die Gespräche mit den Dorfbewohnern eröffneten uns ein tieferes Verständnis für ihre Werte und Überzeugungen, die stark mit der Natur und dem Respekt vor der Umwelt verbunden sind.

Der Besuch bei den Bishnois war eine Gelegenheit zur Reflexion über die Bedeutung von Tradition und Gemeinschaft in einer sich schnell verändernden Welt.