Schon früh am Morgen brachen wir zu unserem nächsten Ziel auf. Gegen 6:30 Uhr brachte uns der Zug von Jodhpur nach Udaipur Harshita hatte bereits unsere nächste Unterkunft gebucht, sodass wir uns darum nicht mehr kümmern mussten. Die rund zehnstündigeFahrt wurde selbst zu einem kleinen Erlebnis: Nach und nach wich die karge Landschaft der Thar-Wüste sanften Hügeln, grünen Feldern und den ersten schimmernden Wasserflächen, die die Nähe Udaipurs ankündigten.
Nach unserer Ankunft bezogen wir unsere Zimmer im Narayan Niwas Haveli, einem traditions-reichen Gästehaus. Mit seinen filigranen Schnitzereien, kleinen Innenhöfen und dem Blick auf den See spiegelte es den besonderen Charme der alten Residenzstadt wider.
Gegen Nachmittag machten wir uns auf den Weg durch die Altstadt. In den schmalen Gassen reihten sich kleine Geschäfte und Werkstätten aneinander, in denen Kunsthandwerker ihre Waren anboten. Der Duft von Gewürzen lag in der Luft, Händler priesen ihre Textilien, Schmuckstücke und Lederwaren an, und zwischen Kühen, Motorrollern und spielenden Kindern entfaltete sich das lebendige Alltagsleben Udaipurs.
Am Ufer des Pichola-Sees liegt das historische Bagore Ki Haveli, das heute nicht nur als Museum dient, sondern sich allabendlich in eine Bühne für die farbenfrohe Kultur Rajasthans verwandelt. Wir waren rechtzeitig am Ticketschalter und konnten uns noch Karten für die abendliche Dharohar-Tanzshow sichern.
Tänze und Musik gaben uns einen Einblick in die Tradition der Region. Zu den Klängen traditioneller Instrumente wirbelten die Tänzerinnen in ihren leuchtenden Gewändern über die Bühne, während verschiedene Volkstänze und Darbietungen die kulturelle Vielfalt der Region lebendig werden ließen.
Am Abend ließen wir uns in einem der zahlreichen Restaurants rund um den See eine typisches Rajasthani- Mahlzeit schmecken – eine Art Fladenbrot (Kulcha),gefüllt mit Spinat und dazu einer Tasse Indian Chai . So liess sich gut die allmählich nachlassende Hitze ertragen.
Während die Stadtlichter sich in der Dunkelheit des Sees brachen und eine stille, sanfte Ruhe über ihn lag, verstand ich, was für viele Besucher Udaipur so besonders macht. Allerding war diese Stadt für mich weniger „romantisch“ wie sie oft beschrieben wird sondern sie war mehr voller Atmosphäre und Schönheit – ein Ort, zu dem ich sehr gern noch einmal zurückkehren möchte.
Der Dorfbesuch der Bishnois in Jodhpur war eine eindrucksvolle Erfahrung, die einen tiefen Einblick in die Kultur und Lebensweise dieser faszinierenden Gemeinschaft bot. Bei unserem eintägigen Aufenthalt hatten wir die Gelegenheit, die Gemeinschaft in ihrem natürlichen Umfeld zu erleben und ihre Bräuche und Traditionen hautnah kennenzulernen.
Das Dorf selbst war ein lebendiger Ort, geprägt von bunten Häusern und einem geschäftigen Treiben. Die Menschen waren herzlich und offen, was es uns ermöglichte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und mehr über ihren Alltag zu erfahren. Wir wurden herzlich empfangen und durften an verschiedenen Aktivitäten teilnehmen, die das Leben der Bishnois prägten. Besonders die Kunst des Handwerks spielt in der Gemeinschaft eine bedeutende Rolle. Viele Dorfbewohner sind talentierte Handwerker, die wunderschöne Textilien und kunstvolle Schmuckstücke herstellen.
Die Religionsgemeinschaft der Bishnois lebt größtenteils in der Thar Wüste in Rajasthan; daneben gibt es sie noch in den benachbarten Bundesstaaten Gujarat, Haryana, Punjab sowie in Delhi.
Während unseres Aufenthalts hatten wir die Gelegenheit, mehr über die Herausforderungen zu erfahren, mit denen die Bishnois konfrontiert sind, insbesondere im Hinblick auf den Erhalt ihrer Kultur und den Einfluss der modernen Welt. Die Gespräche mit den Dorfbewohnern eröffneten uns ein tieferes Verständnis für ihre Werte und Überzeugungen, die stark mit der Natur und dem Respekt vor der Umwelt verbunden sind.
Der Besuch bei den Bishnois war eine Gelegenheit zur Reflexion über die Bedeutung von Tradition und Gemeinschaft in einer sich schnell verändernden Welt.
Da wir ein straffes Programm für Jodhpur vor uns hatten, machten wir uns sehr früh am Morgen auf den Weg zum Bahnhof von Jaisalmer.
Bahnhof Jaisalmer
Es bestand uns eine Zugfahrt von gut 5 Stunden bevor – die Zeit war schnell vergangen, denn während der Fahrt tauschten wir uns über unsere Eindrücke von Jaisalmer aus. Mich hatten insbesondere die verschiedenen Jain Tempel fasziniert mit ihren aufwendig gestaltete Reliefs und Skulpturen, die Anlass dafür waren, mich mit der Religion der Jain-Anhänger zu befassen.
Jodhpur trägt den Beinamen, die “Blaue Stadt”, denn viele Wohnhäuser haben einen blauen Anstrich und damit hat es eine besondere Bewandnis.
Traditionell kennzeichnete die Farbe Blau die Zugehörigkeit der Bewohner zur Kaste der Brahmanen. Es heisst aber, dass viele “Nicht-Brahmanen” ihre Häuser blau angestrichen haben, da die blaue Farbe ein guter Schutz gegen Mücken sei.
Wir waren in einem privaten Homestay, dem Jagat Vilas, untergebracht- einer wunderschönen Villa, die einer Rajput-Familie gehört
Von unserer Unterkunft war es eine halbe Stunde zu Fuß bis zum Sardar Markt, wo sich auch der berühmte Uhrenturm von Jodhpur befindet. Das Viertel rund um den im Jahr 1912 erbauten Uhrturm ist ein geschäftiges Viertel und von hier zweigen die zahlreichen engen Gassen der Altstadt ab.
geschäftiges Treiben rund um den Sardar Markt mit Uhrturm im Hintergrund
Ein Marktstand neben dem anderen reihten sich aneinander – Textilien-, Gemüsehändler, Reparaturwerkstätten, Teestuben und natürlich auch reichlich Souvenirläden. Wir streiften eine Weile umher bis wir in einem der typischen Lassie-Shops einkehrten, wo wir uns ein leckeres Mango Lassie schmecken liessen und ein wenig Ruhezeit gönnten.
Mehrangar – Die stolze Krone Jodhpurs
Jodhpur wird beherrscht von einem mächtigen 130 Meter hohen Felsen und darauf thront beeindruckend das Mehrrangarh Fort, die wohl eindrucksvollste Residenz Rajasthans. Zehn Kilometer misst die 125 Meter hohe Mauer des Mehrrangarh Fort, das den Namen ´Zitadelle der Sonne`. Hier lebten einst Könige und ihre Frauen, die behaupteten von der Sonne abzustammen. Das Fort besteht aus einer kompakten Palastanlage umschlossen von um den Felsen verlaufenden Bastionen und Befestigungsanlagen.
Mehrrangar Fort
Einer der führenden Rajput Clans, die Rathore-Krieger, beherrschten einst Rajasthan, das Land der Könige für mehr als 1000 Jahre. Ihr Königreich hiess damals wie heute Marwar. -wörtlich bedeutet dies “Das Land des Todes“. Als der 15.te Rajputkönig “Rao Jodha” seinen Hauptsitz im Mehrrangar Fort einnahm, wurde die Stadt nach ihm benannt – Jodhpur – die Stadt Jodhas.
Mit der Gründung der Stadt durch diesen Rajputen-Fürsten und dem Bau der mächtigen Festung Mehrangarh entstand ein Zentrum von Macht, Stolz und Wüstenherrschaft, das die Geschichte Rajasthans bis heute prägt.
Mit der Besichtigung des Mehrangarh Forts endete dieser Tagesausflug. Ganz in der Nähe befand sich ein kleines gemütliches Restaurant, in dem wir ein köstliches indisches Curry genossen, bevor wir uns mit Tuk-Tuks, so heissen die Kleinsttaxis auf 3 Rädern, zu unsere Unterkunft bringen liessen. Wir waren hundemüde und hatten nur noch einen einzigen Wunsch ….. Schlafen.
Alltagsleben in einer von Festungsmauern umgebenen Stadt
Der Morgen in Jaisalmer beginnt anders als anderswo. Noch bevor die Sonne die Sandstein-fassaden der Festungsstadt in ihr berühmtes goldenes Licht taucht, liegt eine seltsame Stille über den engen Gassen – eine Stille, die sich anfühlt, als hätte jemand die Zeit angehalten, wenn auch nur für kurze Zeit. Schon bald setzt ein lärmender Verkehr ein – Motorräder, Mopeds, Autos zwängen sich durch die engen Gassen und mittendrin immer wieder Kühe, die gemächlich durch die Gassen streifen.
Von außen könnte man den Tempel fast übersehen. Keine goldenen Kuppeln, kein Lärm, kein Gedränge wie anderswo in Indien. Nur eine schlichte Fassade aus gelbem Sandstein, die kaum erahnen lässt, was dahinter wartet.
Der erste Schritt über die Schwelle
Man gibt die Schuhe ab – das ist überall so in Indien. Aber hier legt man, so scheint mir, auch noch etwas anderes ab: die Unruhe, die man mit sich trägt. Mich erfasste ein ähnliches Gefühl wie ich es schon einige Male auch in Buddhistischen Tempeln in Thailand erlebt hatte – eine meditative Ruhe, die alle Gedanken, die sonst im Kopf umherkreisten, auszuschalten vermochte.
Der Haupttempel ist Paraswanath geweiht, dem 23. Tirthankar der Jains, empfängt einen mit einem Rauschen aus weißem Marmor. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was ich sah. Decken, Säulen, Bögen – alles in einem Geflecht aus Ornamenten, das so fein gearbeitet ist, dass man kaum glauben mag, dass Menschenhände das geschaffen haben. Jede Fläche erzählt: Lotusblüten, tanzende Figuren, Götter, Tiere, geometrische Muster, die sich ins Unendliche zu wiederholen scheinen.
Marmor ohne Mörtel
Ein älterer Priester – er sprach ein geduldiges, langsames Englisch – erklärte mir, dass die frühen Teile der Tempel aus einem hellen Dolomitstein gefertigt sind, der mit der Zeit weich wird und sich dadurch noch feiner bearbeiten lässt. Kein Mörtel hält die Teile zusammen. Nur Gewicht, Gleichgewicht, jahrhundertelange handwerkliche Weisheit.
Die Bibliothek – ein vergessener Schatz
Was die wenigsten Reisenden wissen: Unter den Tempeln befindet sich eine der ältesten Jain-Bibliotheken Indiens, das Gyan Bhandar. Gegründet im Jahr 1500, beherbergt sie über 1000 Manuskripte auf Palmblättern und Papier – astronomische Abhandlungen, religiöse Texte, botanische Zeichnungen, alles handgeschrieben, manche Seiten mit Gold und Farben verziert, die nach 600 Jahren noch leuchten.
Jainismus – eine Philosophie des Nicht-Schadens
In den Tagen danach habe ich mehr über den Jainismus gelesen, und vieles, was ich in den Tempeln gespürt hatte, bekam einen Namen. Die Jains glauben an Ahimsa – die absolute Gewaltlosigkeit gegenüber allem Lebendigen. Manche tragen Masken, um keine Insekten einzuatmen. Manche fegen den Boden vor sich, um keine Lebewesen zu zertreten. Es ist eine Radikalität der Sanftheit, die in der heutigen Welt beinahe surreal wirkt.
In den Tempeln spürt man das. Nicht als Ideologie, sondern als Atmosphäre. Als Haltung dem Leben gegenüber.
Jaisalmer, kurz vor dem Abschied
Am letzten Morgen bin ich noch einmal allein hingegangen, früh, bevor die ersten Touristengruppen eintrafen. Das Licht war noch kühl, bläulich fast. Die Tempel lagen im Halbdunkel. Irgendwo brannte eine Öllampe.
Ich sehe den Jainismus als eine Religion, die Mitgefühl und Zurückhaltung sehr ernst nimmt. Für viele Jains bedeutet er, so bewusst wie möglich zu leben und dabei keinem Lebewesen unnötig zu schaden. Auch Disziplin, Einfachheit und innere Reinigung spielen eine große Rolle. Am Ende geht es darum, die Seele zu befreien und ein friedvolles, verantwortungsvolles Leben zu führen.
Ich bin kein Jain. Ich kenne diese Philosophie nur aus der Distanz des Reisenden. Aber ich glaube, dass manche Orte etwas tun, das man nicht erklären kann: Sie erinnern einen daran, wie wenig Lärm es braucht, um etwas Bleibendes zu schaffen.
Die kunstvoll geschnitzten Figuren auf den Säulen des Jain-Tempels in Jaisalmer und in Ranakpur repräsentieren keine weltlichen Herrscher, sondern besitzen eine tiefgreifende spirituelle und mythologische Symbolik.
Die weiblichen Figuren in stark geschwungenen, eleganten Tanzposen sind himmlische Tänzerinnen) oder himmlische Schönheiten. Sie symbolisieren höchste spirituelle Freude, Reinheit und göttliche Harmonie.
Nach der Jain-Kosmologie steigen diese himmlischen Wesen aus den Götterwelten herab, um die Geburt, die Erleuchtung und das Wirken der spirituellen Meister zu feiern. Ihre tanzenden Bewegungen visualisieren die ekstatische Hingabe zur göttlichen Wahrheit.
Die Figuren in herrschaftlicherer Haltung, (Yakshas mit Attributen wie Waffen, Lotosblüten oder Krügen in den Händen, stellen Schutzgottheiten, sowohl männlich als auch weiblich dar.Sie bewachen symbolisch die Eingänge, Säulen und heiligen Bereiche des Tempels, um negative Energien abzuwehren und die Gläubigen auf ihrem meditativen Weg zu beschützen.
Begleitfiguren, die Trommeln, Flöten, Zimbeln oder Saiteninstrumente halten, untermalen die himmlische Atmosphäre des Tempels. Musik gilt im östlichen Glauben als eine der reinsten Formen, um das Göttliche zu preisen und den Geist während der Meditation zur Ruhe zu bringen.
Die Schutzgottheiten im Jainismus unterscheiden sich grundlegend von den Göttern des Hinduismus, obwohl sie historisch aus denselben altindischen Naturreligionen stammen. Der Hauptunterschied liegt in ihrer theologischen Machtstellung, ihrer Sterblichkeit und ihrer spirituellen Rolle.
Im Hinduismus gelten die Hauptgötter wie Shiva, Vishnu oder Brahma im als allmächtige kosmische Mächte, Schöpfer und Weltenlenker. Im Jainismus dagegen gibt es keinen Schöpfergott, daraus ergibt sich die Frage:
Wie ist die Welt und der ganze Kosmos entstanden?
Nach Auffassung des Jainismus ist die Welt überhaupt nicht entstanden. Sie wurde von niemandem erschaffen und wird auch niemals enden.Die Jain-Kosmologie basiert auf einer radikalen, ewigen und atheistischen Naturphilosophie, die sich in folgenden Kernpunkten zusammenfassen lässt:
1. Ein ewiges Universum (Anadi-Nidhan)
Das Universum (Loka) ist anadi (ohne Anfang) und nidhan (ohne Ende). Es hat schon immer existiert und existiert aus sich selbst heraus. Da es keinen Anfang gab, lehnt der Jainismus die Existenz eines Schöpfergottes, der die Welt aus dem Nichts erschaffen hat, strikt ab.
2. Die sechs ewigen Substanzen (Dravyas)
Alles im Universum besteht aus der Kombination und ständigen Veränderung von sechs unzerstörbaren, ewigen Grundsubstanzen. Nichts Neues wird erschaffen, und nichts Bestehendes wird vernichtet; die Substanzen wechseln lediglich ihre Form:
Jiva: Die lebendige Seele (Bewusstsein), die in Menschen, Tieren, Pflanzen und Kleinstlebewesen existiert.
Pudgala: Die tote Materie (Atome, Energie, Körper, Gegenstände).
Dharma: Das Prinzip der Bewegung (ermöglicht es Seelen und Materie, sich zu bewegen).
Adharma: Das Prinzip der Ruhe (ermöglicht es Seelen und Materie, stillzustehen).
Akasha: Der Raum (in dem alles existiert).
Kala: Die Zeit (die den ständigen Wandel bewirkt).
3. Der kosmische Zeitzyklus (Kalachakra)
Obwohl das Universum ewig ist, durchläuft es laut Jainismus einen unendlichen, rhythmischen Kreislauf der Zeit, der wie ein kosmisches Uhrpendel oder ein Rad funktioniert. Dieser Zyklus teilt sich in zwei Haupthalbzyklen:
Utsarpini: Eine Phase des Aufstiegs, in der sich Wohlstand, Moral, Körpergröße und Lebensdauer der Wesen kontinuierlich verbessern.
Avasarpini: Eine Phase des Abstiegs und des Verfalls, in der Tugend, Glück und Lebensqualität schwinden (wir befinden uns laut Jain-Glauben aktuell in diesem absteigenden Zyklus).
In jedem dieser beiden Zyklen erscheinen jeweils die 24 spirituellen Lehrer (Tirthankaras), um den Menschen den Weg zur Befreiung der Seele aus dem ewigen Kreislauf zu zeigen. Sie stehen an der absoluten Spitze der spirituellen Hierarchie.
Yakshas gehören zur Klasse der Himmelswesen. Sie besitzen zwar übermenschliche Kräfte, sind aber weder unsterblich noch erleuchtet. Sie sind genau wie Menschen an ihr Karma und den Kreislauf der Wiedergeburt gebunden.
Warum die Befreiung der Seele (Moksha) das eigentliche Ziel in diesem ewigen Universum ist
Die Befreiung der Seele (Moksha) ist deshalb das höchste Ziel im Jainismus, weil das ewige Universum für die Seele als ein unendlicher Kreislauf des Leidens verstanden wird. Da das Universum keinen Anfang und kein Ende hat, ist eine unbefreite Seele dazu verdammt, für immer in diesem System gefangen zu sein.
Solange eine Seele nicht befreit ist, wandert sie im Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara). Sie durchläuft dabei vier Existenzformen:
Als Himmelswesen (Gott/Yaksha)
Als Mensch
Als Tier oder Pflanze
Als Höllenwesen
Selbst die Existenz als Gott im Himmel ist temporär und endet, sobald das gute Karma aufgebraucht ist. Danach folgt der Absturz in tiefere Daseinsformen. Da dieser Kreislauf seit der Ewigkeit andauert, hat jede Seele bereits jede Form des Leidens, des Todes und der Wiedergeburt unzählige Male erlebt. Moksha ist der einzige Ausweg, um dieses ewige Hamsterrad für immer zu verlassen.
Nach der Jain-Philosophie ist jede Seele (Jiva) im Grunde ihres Wesens rein und besitzt vier göttliche Eigenschaften (Ananta Chatushtaya):
Unendliches Wissen
Unendliche Wahrnehmung
Unendliche Kraft
Unendliche Glückseligkeit
Im materiellen Universum ist die Seele jedoch von Karma bedeckt. Im Jainismus ist Karma kein abstraktes Gesetz, sondern eine feinstoffliche, klebrige Materie. Jede Tat, jeder Gedanke und jede Emotion (vor allem Gier, Zorn, Stolz und Täuschung) zieht diese Karma-Partikel an, die sich wie eine Schmutzschicht um die Seele legen. Diese Schicht blockiert die natürlichen Eigenschaften der Seele und bindet sie an den physischen Körper.
Die spezifischen Körperhaltungen (Asanas) und Handgesten (Mudras) der Tirthankaras besitzen eine tiefe symbolische Bedeutung. Sie verkörpern die Kernphilosophie der Religion: die vollständige Abkehr von der materiellen Welt, absolute Gelassenheit und den Sieg über die eigenen Leidenschaften.
Was passiert bei Moksha?
Wenn eine Seele durch strikte Gewaltlosigkeit (Ahimsa), Askese und Meditation sämtliches angesammeltes Karma vollständig verbrennt, wird sie absolut rein.
In dem Moment, in dem die Seele frei von jeglicher Materie ist, steigt sie durch ihre natürliche Leichtigkeit an die absolute Spitze des Universums. Dieser Ort wird Siddhashila genannt. Dort verweilt die befreite Seele (Siddha) für alle Ewigkeit in einem Zustand absoluter, unvergänglicher Glückseligkeit und Allwissenheit – ohne jemals wieder einen Körper annehmen oder in das Universum des Leidens zurückkehren zu müssen.
Die Nacht in einem Zelt zu dieser Jahreszeit in der Wüste zu verbringen, war alles andere als komfortabel, da es recht kalt geworden war, aber es hatte irgendwie ja auch einen ganz besonderen Reiz gehabt.
In den Abdendstunden, nach einem ausgiebigen Ritt über die meterhohen Dünen, verbrachten wir noch eine Weile am Lagerfeuer und liessen uns von den Kamelführern zubereitetes Abendessen schmecken …. ein einfachen Linsencurry mit Fladenbrot, dass in einer solchen Umgebung natürlich ganz besonders schmeckte.
Am nächsten Morgen kamen wir recht früh in Jaisalmer an. Nicht zu Unrecht trägt die Stadt den Titel „Goldene Stadt“ Rajasthans. Schon von Weitem leuchtete die auf einem Hügel thronende Festung in warmen Gelbtönen und hob sich eindrucksvoll von der kargen Landschaft der Thar-Wüste ab.
Ansicht auf die Festung von Jaisalmer
Besonders beeindruckt haben mich die prächtigen Havelis, die einst wohlhabenden Kaufmannsfamilien gehörten. Ihre Fassaden aus honigfarbenem Sandstein sind überreich mit filigranen Ornamenten, Balkonen und den für Rajasthan typischen Jharokhas verziert. Aus der Nähe betrachtet wirken die feinen Steinmetzarbeiten fast wie Spitze. Sie zeugen vom Reichtum jener Händler, die einst vom Karawanenhandel zwischen Indien, Zentralasien und dem Nahen Osten profitierten.
Ein besonderer Höhepunkt waren die Jain-Tempel innerhalb der Festungsmauern. Ihre reich verzierten Säulen, kunstvoll gestalteten Decken und fein gearbeiteten Reliefs zählen zu den schönsten Beispielen der Jain-Architektur in Rajasthan. Die stille Atmosphäre in den Tempeln bildete einen angenehmen Kontrast zum geschäftigen Treiben in den Gassen.
Die Tempelkomplexe stammen aus dem 12. bis 15. Jahrhundert und sind für ihre detaillierten Schnitzereien im Dilwara-Stil bekannt.Die Figuren stellen verschiedene Jain-Götter und tanzende Gestalten dar, die aus gelbem Sandstein gefertigt wurden.
Dieser Tempel ist Teil einer Gruppe von sieben miteinander verbundenen Jain-Tempeln in der Festung. Eine Auswahl von Fotografien der Jain-Tempel mit Detailaufnahmen der Steinmetz-arbeiten findet sich in der Fotogalerie hier >>
Untergebracht waren wir im Deepak Guest House, einem kleinen Gästehaus mitten im Fort. Von dort aus ließ sich das Leben in der Altstadt wunderbar beobachten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Abend, an dem wir das Glück hatten, einem einheimischen Musiker zuzuhören, der auf einem Harmonium traditionelle Lieder aus Rajasthan spielte.
Es war keine Darbietung für Touristen, sondern vielmehr ein ungezwungener musikalischer Moment, der die besondere Atmosphäre Jaisalmers für uns auf eindrucksvolle Weise widerspiegelte.
Drei Wochen lang sollten wir tief in die faszinierende Welt Rajasthans eintauchen– gemeinsam mit sechs weiteren Teilnehmern auf einer abwechslungsreichen Gruppenreise durch den farbenprächtigen Westen Indiens. Zwischen prachtvollen Palästen, lebhaften Basaren, endlosen Wüstenlandschaften und jahrhundertealten Festungen begegneten wir einer Region voller Kontraste und Geschichten.
Wir fuhren mit dem Zug von Delhi nach Jaisalmer, der ´Goldenen Stadt` inmitten einer Wüste, durch Jaipur mit seinen rosa getünchten Häusern, durch die blau gestrichenen Gassen von Jodhpur und schließlich bis Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges. Jeden Tag gab es etwas Neues zu sehen, und trotz der vielen Stationen blieb immer Zeit für spontane Gespräche, gemeinsames Staunen und Erleben, das bei einer Reise in einer kleineren Gruppe eher Raum für intensivere Erfahrungen lässt .
Im Land der Könige und Paläste
01.September 2017
Am Morgen wechselte ich vom Hotel Prime Balaji in New Delhi zum Hotel Perfect in Karol Bagh, wo ich mit den restlichen Teilnehmern der Reisegruppe von Intrepid für die 22 tägige Rundreise untergebracht worden war.
Da ich erst gegen Mittag mein Zimmer nutzen konnte, genehmigte ich mir ein Frühstück auf der gemütlichen Dachterasse des Hotels – das sind kleine Reisküchlein, sowie ein gut gewürztes Omelett und Masala Chai, ein stark gesüsster Tee mit Milch und typischen indischen Gewürzen
Dachterrasse des Hotel Perfekt in DelhiReisküchlein mit Chutney
Das Hotel ist bei Reisegruppen beliebt, weil es zentral liegt und preislich zu den Low Budget Hotels zählt. Mein Zimmer war einfach eingerichtet, verfügte über eine funktionierende, wenn auch etwas laute Klimaanlage, ein sauberes Bett und ein ordentliches Badezimmer.
Um 18:00 fand das erste Treffen mit den anderen Teilnehmern der bevorstehenden Rundreise statt. Drei der Teilnehmer kamen aus Australien, drei weitere aus Grossbritannien und dazu meine Person. Ich hatte arge Schwierigkeiten, das “Aussie-Englisch” zu verstehen, obwohl ich die Englische Sprache gut beherrschte. Auch Harshita, unsere Reiseleiterin, konnte ich manchmal nicht folgen, da sie für mein Verständnis zu leise sprach und dazu eher einen australischen Akzent hatte, was wohl darauf zurückzuführeen war, dass sie hauptsächlich Reisende aus Australien betreute.
Nachdem der formelle Teil ausreichend besprochen war, konnten wir nun unsere erste gemeinsame Mahlzeit in einem netten kleinen Restaurant einnehmen und uns so zwanglos miteinander bekannt machen.
Am nächsten Morgen begannen wir mit der Erkundungstour in Delhi, die uns zunächst erst einmal nach Alt-Delhi führte, wo wir die Freitagsmoschee besichtigten. Anschliessend fuhren wir mit einer Fahrradriksha weiter zum bekannten Gewürzmarkt in Khari Baoli.
Gewürze wie Kumin, gemahlener Koriander, Fenchel ,schwarzer Pfeffer und natürlich Chilli in riesengroßen Mengen werden hier angeboten. Die Auswahl ist grenzenlos. Dies war ein absolutes Erebnis für unseren Geruchssinn … aus allen Ecken strömte das intensive Aroma von Chilischoten, Currypulver, Kumin und Pfeffer und frisch gemachlenem Koriander.
Von Gewürzmarkt aus gelangten wir leicht zu Fuß zum Sikh Tempel Gurudwara Sis Ganji Sahib, einem der neun historischen Gurudwaras in Delhi.
Der Tempel liegt im Herzen von Chandni Chowk in Alt-Delhi und ist ein wichtiger Sikh-Tempel, der zu Ehren des 9.ten Gurus Tegh Bahadur erbaut wurde. Zu dieser Zeit regierte Aurangzeb, der dritte Sohn von Mogul Shah Jahan. Aurangzeb verfolgte eine orthodoxe islamische Politik und zerstörte viele hinduistische Tempel. Viele Muslime und Hindus wandten sich dem Sikhismus zu, was der Mogul-Kaiser als Bedrohung für seine Herrschaft ansah und ließ so unter anderem den Guru im Jahr 1675 hinrichten, da dieser sich geweigert hatte, zum Islam zu konvertieren.
Wie in jedem Sikh Tempel ist auch hier die Langar-Küche, die Gemeinschaftsküche, zu finden. Gemeinsames kostenloses Essen erfüllt zentrale religiöse, soziale und ethische Funktionen in der Sikh Religion. Hier wird Gleichheit aller Menschen praktiziert, unabhängig von Kaste, Klasse, Geschlecht oder Religion – alle essen zusammen. Der Dienst am Mitmenschen in Form von ehrenamtlicher Hilfe beim Kochen, Servieren und Reinigen und allgemeine Gastfreundschaft ist ein wesentliches Element in der Sikh Religion, die Kastenhierarchien, Aberglauben und Ritualismus gänzlich ablehnt. Der Glaube an einen formlosen, einzigen Gott im monotheistischen Sinne und die Betonung von der Gleichheit der Menschen sind zentrale Themen.
Am späten Nachmittag machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof, denn unser nächstes Reiseziel war Jaisalmer, eine Stadt inmitten der Thar Wüste, deren Sanddünen bis zu 150 Meter hoch sein sollen. Die Zugabteile in Indien sind in verschiedene Klassen unterteilt, ähnlich wie in Europa, also in 1. und 2. Klasse, aber es gibt auch eine 3. Klasse und zusätzlich noch die Schlafabteile, die wiederum auch in Klassen unterteilt sind.
Die Zugfahrt dauerte knappe 19 Stunden, d. h. dass wir erst gegen Mittag am nächsten Tag in Jaisalmer ankommen sollten.
Schon während der Zugfahrt stellte sich heraus, dass sich Gruppen bildeten und ich in gewisser Weise aussen vor war und künftig auch bleiben sollte. Chewie, eine in England lebende Malaysierin hatte bemerkt, dass ich während der langen Fahrt relativ isoliert geblieben war. Während die restlichen Teilnehmer sich in ihre Abteile zurückgezogen hatten und wohl schon schliefen, unterhielt sie sich mit mir … sie konnte ebenso wie ich auch nicht schlafen; so verging schliesslich die Fahrt doch relativ schnell.
Ein Taxi brachte uns zu unserem Guesthouse, dem Deepak, wo wir nur unser sperriges Gepäck abgaben, denn es sollte am Nachmittag direkt zu den Sanddünen gehen, wo wir über Nacht auf einem Campingplatz zelten wollten.
Und was wäre ein Ausflug zu den Sanddünen ohne ein Ausritt hochoben auf dem Rücken eines Kamels ….
Nachdem ich ich mein Herz für Indien erwärmt hatte, plante ich meine nächste Reise für den Herbst 2017
Nach einiger Online Recherche entschied ich mich für Intrepid, eine australische Reiseagentur, die einen gut organi-sierten Eindruck auf mich machte, ausserdem war für mich ausschlaggebend, dass sie ihre Touren bereits ab einer Mindestteilnehmerzahl von zwei Personen durchführte. Die große Rajasthan-Rundreise sollte 22 Tage dauern und mir die Möglichkeit bieten, zahlreiche Orte des faszinierenden Bundesstaates kennenzulernen.
Die letzten Reisevorbereitungen für meine fünfwöchige Reise nach Indien waren abgeschlossen- das elektronische Visum war beantragt, die notwendigen Impfungen erledigt und die Auswahl des richtigen Gepäcks getroffen. Meine Pack- und Checkliste hatte ich bereits mehrfach kontrolliert. Ein etwas größerer Koffer sowie ein kleinerer sollten mich begleiten – letzterer insbesondere für die dreiwöchige Rundreise. Hinzu kamen ein Tagesrucksack sowie eine kleine Tasche für die Übernachtung im Camp.
Die Reise komplett selbst zu organisieren, kam für mich nicht infrage, da dies wesentlich mehr Aufwand bedeutet hätte. Allein Zug- und Busfahrten müssen in Indien oft lange im Voraus gebucht werden, damit der Reiseablauf auch tatsächlich reibungslos verläuft.
Ein wenig aufgeregt war ich deswegen , weil ich die Rundreise gemeinsam mit mir völlig unbekannten Teilnehmern antreten würde. Weder wusste ich, wie groß die Gruppe sein würde, noch aus welchen Altersgruppen sich die Mitreisenden zusammensetzten. Meine Befürchtung, dass es vielleicht mit meinen Mitreisenden nicht ohne Reibungen ablaufen könnte, war nicht ganz unbegründet, wie sich später heraustellen sollte.
Flug von Hamburg nach Delhi
28. August 2017
Der Abflug vom Hamburger Flughafen nach Delhi via Moskau mit der russischen Airline Aeroflot startete pünktlich um 13.35 und landete gegen 17:15 auf dem Moskauer Sheremetyevo Flughafen, der mir riesiggroß erschien. Ich fürchtete schon, dass die Transferzeit zu knapp bemessen sei aber die Transferwege zu den einzelnen Terminals waren gut und ausser in kyrillischer Schrift auch in englischer Sprache ausgeschildert. Ich benötigte eine gute halbe Stunde, um zu meinem Abflugterminal für Delhi zu gelangen; die Sicherheitskontrollen waren unkompliziert und schnell erledigt.
Ich hatte wenig Gutes über Aeroflot gelesen; ich war mehr als positiv überrascht von der Pünktlichkeit, den unkomplizierten Check- Ins und dem Komfort in beiden Flugzeugen.
Die Ankunft am Indira Gandhi International Airport in Delhi erfolgte planmäßig gegen 03:30 Uhr morgens. Als ich das Terminal betrat, schlug mir sofort die feuchte, warme Luft entgegen- ein intensives Gemisch aus Kerosin, würzigen Spices und etwas Undefinierbarem, das typisch indisch wirkte. Das Flughafengebäude war zu dieser frühen Stunde noch relativ ruhig , was auch bedeutete, dass die Einreiseformalitäten mit meinem elektronischen Visum schnell erledigt waren. Schon wenige Minuten später war die Identitätskontrolle – Fingerabdrücke und Gesichtsscan abgeschlossen und ich konnte zur Gepäckausgabe gehen, wo meine Koffer bereits auf dem Laufband zu sehen waren. Jetzt musste ich mich nur noch um den Transfer zum Hotel kümmern.
Da ich versäumt hatte, vorab einen Abholservice über das Hotel zu organisieren, blieb mir nichts anderes übrig, als den offiziellen Flughafentaxiservice zu nutzen. Dieser kostete mit 1200 INR, umgerechnet etwa 17 Euro, ungefähr das Doppelte des üblichen Preises. Nach dem langen Flug fehlte mir jedoch die Energie, mit den zahlreichen Taxifahrern, die sich um mich scharten, zu verhandeln. Es war inzwischen fünf Uhr morgens, und mein einziger Wunsch war es, möglichst schnell ins Hotel zu gelangen, um ein paar Stunden zu schlafen.
Zum Glück durfte ich mein Zimmer sofort nach der Ankunft beziehen, obwohl die reguläre Eincheckzeit gegen 8:00 vorgesehen war. Nach einigen Stunden Schlaf fühlte ich mich wieder fit genug, um einen ersten orientierenden Spaziergang rund um den Connaught Place, das geschäftige Herz Delhis, zu unternehmen.
Das Hotel Prime Balaji Deluxe, das ich für zwei Übernachtungen über ein Internetportal gebucht hatte, liegt in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs New Delhi im Stadtteil Paharganj – für mich ideal, da ich später von dort aus weitere Reisepläne verwirklichen wollte.
Nach der Gruppenreise plante ich noch eine zusätzliche Woche allein in Shimla im Bundesstaat Himachal Pradesh zu verbringen. Schon lange hatte ich den Wunsch, einmal mit einem der berühmten „Toy Trains“ im Norden Indiens zu fahren, und nun bot sich die perfekte Gelegenheit dazu. Weitere konkrete Reisepläne hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Das Hotel gefiel mir gut. Zwar war das Zimmer recht klein, doch für ein oder zwei Nächte völlig ausreichend. Das Personal an der Rezeption war freundlich und hilfsbereit. Innerhalb kurzer Zeit war ich mit einer indischen SIM-Karte von Vodafone versorgt und konnte so, ausgestattet mit GPS Navigationssystem , meine Erkundungstour durch Neu-Delhi beginnen.
1. Tag in Delhi
Delhi ist berüchtigt für seine sogenannten „Touts“ – das sind Schlepper, die an nahezu jeder Straßenecke darauf lauern, ahnungslose Touristen in spezielle Reisebüros oder Geschäfte zu lotsen, um dafür eine Provision zu erhalten.
Obwohl ich auf früheren Reisen bereits Erfahrungen mit solchen Schleppern gesammelt hatte, fiel es mir zunächst nicht leicht, sie auf Abstand zu halten. Kaum hundert Meter war ich gelaufen, sprach mich bereits wieder jemand freundlich an – entweder, um mir angeblich den Weg zu erklären oder um mich vor bestimmten Straßen zu warnen, die wegen Demonstrationen oder Feuerwehreinsätzen gesperrt seien.
Mit meiner anerzogenen Höflichkeit kam ich auf diese Weise allerdings nicht besonders weit. Schließlich beschloss ich, sämtliche Begrüßungen und Fragen konsequent zu ignorieren und meinen Weg unbeirrt fortzusetzen.
Connaught Platz- Delhi
Eigentlich war ich auf der Suche nach einem offiziellen staatlichen Tourismusbüro. Doch am Ende ließ ich mich doch von einem vermeintlich “hilfsbereiten” Mann in ein angeblich staatlich anerkanntes Reisebüro lotsen, wo ich schließlich einen zweitägigen Delhi-Ausflug für umgerechnet 78 Euro buchte – deutlich teurer, als nötig gewesen wäre. Dennoch wollte ich meine begrenzte Zeit nicht mit weiterer Suche vergeuden, denn die beiden Tage vor Beginn der Rundreise wollte ich intensiv für eigene Besichtigungen in Delhi nutzen.
30. August.2017
Erstes Ziel meines Ausfluges war der Laxmi-Narayan-Tempel in Delhi – ein Heiligtum für Vishnu in seiner Erscheinungsform Narayana und dessen Gemahlin Lakshmi, die hinduistische Göttin des Reichtums, des Glücks und des Wohlstands.
Der Tempel, auch als Birla Mandir bekannt, liegt westlich des Connaught Place und ist gut mit Bus, Metro oder Autorikscha erreichbar. Mahatma Gandhi weihte den Tempel unter der Bedingung ein, dass Menschen aller Kasten und Religionen Zugang zum Tempelgelände erhalten sollten.
Der Tempel kombiniert traditionelle hinduistische Architektur mit klaren weißen Marmorflächen und liegt in einer gepflegten Gartenanlage, die sowohl Gläubige als auch Besucher anzieht.
Anschließend besichtigte ich den Qutb-Minar-Komplex, der nicht nur als ältestes Zeugnis islamischer Herrschaft im Raum Delhi gilt, sondern zugleich einen bedeutenden Meilenstein in der Entwicklung der indischen Architektur darstellt.
Da ich das Qutb Minar und das Humayoun-Mausoleum bereits ausführlicher in meinem Beitrag über die Sehenswürdigkeiten Delhis beschrieben habe, möchte ich an dieser Stelle nur einiges zur Geschichte jener Zeit ergänzen.
Qutb Minar und Moschee
Humayun, der zweite Mogulkaiser von Delhi, regierte von 1530 bis 1540 und dann erneut von 1555 bis zu seinem Tod im Jahr 1556. Bekannt für seine Liebe zu Kunst und Architektur, legte er den Grundstein für den kulturellen Höhepunkt des Mogulreichs; zugleich sah er sich jedoch politischer Instabilität und militärischen Niederlagen gegenüber – insbesondere verlor er seinen Thron an Sher Shah Suri, einem bedeutenden paschtunischer Herrscher in Nordindien, der das Mogulreich kurzzeitig unterbrach und die Suriden-Dynastie begründete
Seine schließliche Wiedereinsetzung, die durch persische Unterstützung ermöglicht wurde, bereitete den Boden für die legendäre Herrschaft seines Sohnes Akbar. Humayuns Grabmal in Delhi, das von seiner Witwe in Auftrag gegeben wurde, gilt bis heute als Meisterwerk der Mogul-Architektur.
In den Lodi Gärten, ein Stadtpark über 360.000 qm verteilt, befindet sich das Grab von Mohammed Shah, das Grab von Sikandar Lodi, Shisha Gumbad und Bara Gumbas.
Es sind architektonische Werke des 15. Jahrhunderts der Herrscher der Lodi Dynastie, die über weite Teile von Nordindien und Punjab sowie über die Khyber Pakhtunkhwa Provinz des heutigen Pakistan herrschte ( 1451 bis 1526). Der Garten lädt zu ausgedehnten Spaziergängen ein und ist eine kleine Oase in Delhi, der Stadt, der nachgesagt wird, mittlerweile zu den von am stärksten von Luftverschmutzung betroffenen Städten der ganzen Welt zu gehören.
31. August 2017
Heute stand die Besichtigung des Roten Forts in Alt Delhi, des Raj Ghat Denkmals, welches zu Ehren von Mahatma Gandhi errichtet worden war, auf dem Plan und danach ein Besuch des Lotus Tempels und des Akshardam Tempels in Neu Delhi .
Rotes Fort
Das Rote Fort ist eine Festungsanlage aus der Zeit der Mogulherrschaft in Indien. Sie wurde für den Mogulkaiser Shah Jahan im 17. Jhdt. erbaut und zählt heute zum Weltkulturerbe der UNESCO.
Lahori Gate Rotes FortLahore Gate Rotes Fort in DelhiDiwan- I- Khas ” private Audienzhalle”, Rotes Fort DelhiPerlen Moschee in Delhi
Das Rote Fort gehörte ursprünglich in den Siedlungkern Shahjanabad, der über die Jahrhunderte weg mit weiteren Siedlungskernen verschmolz. Die Festung gehörte mit der Freitagsmoschee zu den Gründungsbauten von dem Großmogul Shah Jahan, der auch den Bau des berühmten Taj Mahal Mausoleums in Agra errichten ließ.
Raj Ghat Memorial
Ein Stück südlich des Forts liegt in einem kleinen Park am Ufer des Yamuna die Verbrennungs- und Gedenkstätte für die bedeutendsten Politiker Indiens.
Raj Ghat MeRa
1948 wurde hier Mahatma Gandhi eingeäschert, 16 Jahre später Indiens erster Premierminister Nehru und Ghandhis Tochter Indira Ghandi und deren Söhne fanden hier auch ihre letzte Ruhestätte. An jedem Freitag, dem Tag seiner Ermordung wird in einer kleinen Feier Ghandi´s gedacht.
Lotus Tempel
Der Architekt Furiburz Sabha wählte den Lotus als Symbol für Hinduismus,Buddhismus, Jainismus und Islam. Anhänger jeden Glaubens können den Tempel besuchen und darin beten oder meditieren. Der Eintritt ist kostenlos.
Lotus Tempel in Delhi
Das Bahaitum ist eine weltweit verbreitete Religion mit rund acht Millionen Anhängern, die sich auf die Lehren des ReligionsstiftersBahāʾullāh (1817–1892) berufen und nach ihm als Bahai bezeichnet werden.
In ihrem Ursprungsland, dem Iran, bilden die Bahai zwar die größte religiöse Minderheit, sind aber seit jeher starken Verfolgungen ausgesetzt. Hauptverbreitungsgebiete heute sind Indien, Afrika, Süd- und Nordamerika.
Danach ging es zu einem der bekanntesten Märkte in Delhi … dem Dilli Haat, der von der Regierung speziell dafür eingerichtet wurde, Handwerkern eine Plattform zu bieten, um ihre Waren zu verkaufen. Er vermittelt das Gefühl eines traditionellen Dorfmarktes und bietet eine unglaubliche Vielfalt an Geschäften, Marktständen und zahlreichen kleineren Restaurants, in denen für wenige Rupies leckere Mahlzeiten angeboten werden.
Akshardam Tempel
Er ist der drittgrößte Hindutempel Indiens und zieht Millionen von Touristen und Anhänger einer Sekte an, die von Swaminayaran, einem Yogi und Asketen gegründet wurde. Der Bau des Akshardam Tempels dauerte rund 5 Jahre und ist ein Meisterwerk der Architektur.
Folgende Bilder habe ich einer Broschüre, die im Tempel erhältlich ist, entnommen, da Fotografieren im Tempel selbst nicht erlaubt ist.
Es ist soweit, der Tag meiner Abreise war gekommen. Da ich erst um 21:00 abfliegen würde, hatte ich noch mehr als einen halben Tag Zeit, den ich im Hotel verbringen konnte. Mein übliches Reisefieber hatte mich schon wieder gepackt; gegen 07:00 wurde ich wach, an Schlafen war nicht mehr zu denken, so genoss ich es noch einmal, an den Strand zu gehen, den Wellen eine Weile zuzuschauen und die reine Seeluft einzuatmen.
Mit dem Manager vereinbarte ich, dass ich gegen einen Aufpreis von 25% des Preises, den ich normalerweise für eine Übernachtung zu zahlen hätte, das Zimmer noch bis zum Nachmittag nutzen dürfte. Auf diese Weise war es es mir noch möglich, einen kurzen Abstecher nach Hikkaduwa zu machen, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen und Geld von einer ATM Maschine zu holen. Ich fuhr mit dem normalen Bus nach Hikkaduwa, das nur 3 km vom Hotel entfernt liegt, schlenderte an den vielen Geschäften an der Hauptstrasse entlang und entdeckte zum Schluss eine kleine Milchbar, in der ich mir einen leckeren Joghurt aus Büffelmilch genehmigte.
Ich erinnerte mich aus früheren Urlauben in Sri Lanka, dass dieser Joghurt weniger säuerlich, dafür aber fettreicher war und ich damit meinen beginnenden Hunger erst einmal stillen konnte. Mit der Besitzerin kam ich in ein nettes Gespräch … sie war richtig erfreut, eine Kundin zu haben und am Ende gab sie mir noch ihre Telefonnummer, für den Fall, dass ich wieder einmal nach Hikkaduwa kommen sollte. Gegen 12:00 kehrte ich langsam in mein Hotel zurück, um meine Rechnung zu bezahlen. In der ganzen Woche hatte ich nicht eine einzige Rechnung für das Essen abgezeichnet und ich erwartete eigentlich, dass beim Erstellen der Gesamtrechnung irgendwo ein Fehler zu finden sei, aber es war alles absolut korrekt abgerechnet worden und der Besitzer des Hotels hatte mir sogar noch freundlicherweise den vereinbarten 25 %igen Zimmeraufschlag erlassen.
Meine Koffer hatte ich bereits am Vorabend weitestgehend gepackt, so blieb mir sogar noch genug Zeit für eine leckere Fischmahlzeit und einen frisch zubereiteten Mangosaft, bevor mich dann der Fahrer des “Taxis “, das sich als grosser Van erwies, abholte. Alle Angestellten, angefangen vom Koch, dem Masseur, dem Zimmermädchen sowie der Besitzer selbst verabschiedeten sich händeschüttelnd, wünschten allesamt eine gute Heimreise und dass ich bald wiederkommen möge.
AYUBOWAN SRI LANKA
Die Fahrt nach Colombo verlief ohne Verzögerungen; ich kam sehr frühzeitig am Flughafen in Colombo an, was mir noch Gelegenheit gab, nach ein paar Souvenirs zuschauen, bevor ich mich zum Check-in begeben musste.
Viele alleinreisende singhalesische Frauen waren zu beobachten, die sich von ihren Familien, zum Teil unter reichlich fließenden Tränen verabschiedeten. Sie begaben sich nicht wie ich auf einen Heimflug, sondern waren auf dem Rückweg zu ihren Arbeitsstätten … entweder nach Saudi Arabien, Kuwait, Bahrain oder in die Vereinigte Arabische Emirate: Die meisten von ihnen wohl als “housemaid” also als Dienstmädchen, und dies bedeutete, dass sie sehr wahrscheinlich ihre Familien für viele Monate oder sogar für ein ganzes Jahr nicht sehen würden.
Wieder kamen mir der Gedanke, wie reich ich beschenkt war, dass ich gerade durch diese Erlebnisse noch mehr Dankbarkeit verspürte, Reisen in ferne Länder unternehmen zu können. Meine Sicht auf das Leben hatte sich dadurch ganz allmählich verändert und in gewisser Weise eine Bescheidenheit hervorgerufen, die später noch einmal mir als ganz besondere Charaktereigenschaft zugeschrieben wurde – das war viele Jahre später, als ich für einige Zeit in Pakistan bei einer pakistanischen Familie lebte.
Der Rückflug ging zunächst mit der Airline Etihad nach Abu Dhabi, wo ich einen Aufenthalt von gut 2 Stunden hatte, der sprichwörtlich wie im Fluge verging. Ich lief durch die großzügig gestalteten Einkaufspassagen vom Flughafen und bestaunte die riesige Auswahl an Schmuck- bzw. Juwelierläden, Geschäfte für elektronische Geräte, Souvenirläden, Duty Free Shops, Parfümerien etc., Läden für einen jeden Geschmack und Geldbeutel.
Der Anschlussflug von Abu Dhabi mit Etihad Airlines dauerte etwas mehr als 6 Stunden, die mir lange vorkamen. Die Temperatur im Flugzeug war eisig; trotz warmer Bekleidung und zwei Decken fror ich immer noch heftig … ich befürchtete, dass mein Kehlkopfkatarrh, den ich noch nicht gänzlich auskuriert hatte, sich neuerlich verschlechtern würde.
Beim Landeanflug gegen 06:00 am nächsten Morgen in Frankfurt war schon zu erkennen, dass mich keine wärmenden Sonnenstrahlen erwarten würden, sondern im Gegenteil … Nebel und Nieselregen, also für Norddeutschland ganz typisches Wetter, so wie es die Flugbegleiterin von der besagten Airline wahrscheinlich nur erlebt, wenn in Deutschland Zwischenstation gemacht wurde.
Nun standen mir noch vier Stunden Zugfahrt bis zum meinem Heimatort bevor; alles in allem hatte ich eine Reisedauer von insgesamt 24 Stunden hinter mich gebracht. Ich ahnte, dass mir ein heftiger Jetlag bevorstehen würde, dem ich am besten erst einmal mit reichlich Schlaf entkam.
Monde und Jahre vergehen, aber ein schöner Moment leuchtet das Leben hindurch
Ursprünglich hatte ich einer Einladung zum Essen in Kalutara zugesagt, aber nachdem ich mir üble Insektenbisse wahrscheinlich im Garten beim Besuch meiner singhalesischen Freunde zugezogen hatte, entschied ich mich stattdessen, einen ausgedehnten Spaziergang am Strand zu machen. Schwimmen war bei dem stark aufgewühltem Meer nicht möglich, denn die Wellen erreichten eine Höhe von 2 Metern mit starken Strömungen, denen ich mich nicht aussetzen wollte.
Ich lief direkt am Wasser entlang und so manches Mal riss mir eine Welle den Boden unter den Füßen weg, so dass ich kaum mehr Halt fand, aber ich genoss das warme Meer und den Anblick der sich hoch auftürmenden Schaumkronen, deren Gischt mich hier und da traf. Nach einiger Zeit sah ich von weitem einen Einheimischen mir entgegenkommen; der Strand war meistens menschenleer, denn es war Nebensaison.
Es war ein Fischer, der mich vor den starken Wellen warnte und mir vorschlug, auf die andere Seite der Bucht zu gehen, wo ich ohne Gefahr schwimmen könne und am vorgelagerten Riff Krebse und fliegende Fische zu sehen bekäme. Er warnte mich nochmals eindringlich vor den gefährlichen Strömungen, die sehr stark seien. Diese würden oft leicht unterschätzt und so mancher Tourist habe über die Jahre hier schon sein Leben verloren.
Der Spaziergang dorthin erstreckte sich über gut 1 km, aber es hatte sich gelohnt … die Bucht von Dodanduwa ist wunderschön; Fischerboote lagen vertäut am Strand und in den Felsen konnte ich Hunderte von kleinen Krebsen und sogar fliegende Fische bestaunen.
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