Von Pokhara nach Chitwan

Beim Schreiben erinnere ich mich an Momente, in denen ich an die Grenzen meines Verständnisses gestoßen bin. Gleich zu Beginn hatte mich Ghanshyam eindringlich vor ungeprüftem Trinkwasser gewarnt – eine Warnung, die sich nach einer vermeintlich harmlosen Flasche im Hotel schnell bestätigte.

Als ich mich daraufhin beim Manager beschwerte, erschien mir das selbstverständlich. Für Ghanshyam jedoch war es ein Problem: In seinen Augen hatte ich – als Frau – eine Grenze überschritten, denn es wäre seine Aufgabe gewesen, Kritik zu äußern. Erst später begriff ich, dass es nicht um das Wasser ging, sondern um kulturelle Unterschiede, um Rollenbilder und darum, das Gesicht zu wahren.

Reisen bedeutet für mich seither auch, die eigene Sichtweise zu hinterfragen – und zu akzeptieren, dass Selbstverständlichkeiten nicht überall dieselben sind.

Und weiter geht es nach Bajarhatti

03. April 2014

Am dritten Tag unseres Aufenthaltes in Pokhara machten wir uns auf den Weg in Richtung Chitwan Nationalpark, in dessen Nähe sich die Shree Lower Secondary School in einem kleinen Dorf namens Bajarhatti, befand. Es ist eine Grundschule mit Übernachtungsmöglichkeiten, ähnlich einem Internat, in welchem Kinder mit Hörbehinderung untergebracht sind. In dieser Schule arbeitete Ghanshyams Frau als Rektorin und hier war eine Zwischenübernachtung eingeplant, da es auf dem Weg zum Nationalpark lag.

Meethu, Ghanshyams Frau, hatte einige Tage zuvor schon Kathmandu verlassen, da sie administrative Arbeiten zu erledigen hatte. Die beiden Töchter, Sadichcha und Subhdechcha hatten Schulferien und begleiteten ihre Mutter, weil ihr Vater ja mit mir unterwegs war.

Ghanshyam hatte vorgeschlagen, für ein oder zwei Nächte in der Schule mit seiner Familie zusammen zu übernachten. Die Stimmung während der Fahrt von Phokara nach Bajarhatti war ebenso getrübt, wie das Wetter. Es regnete und bei dichtem Nebel war von der Landschaft auch nicht viel zu sehen. Ghanshyam trug es mir noch nach, dass ich ihn vor dem Hotelmanager in Pokhara seiner Auffassung nach “blossgestellt” hatte.

In der Schule von Bajarhatti angekommen, wurden wir bereits sehnsüchtig erwartet. Meethu und ihre beiden Töchter standen sichtlich aufgeregt bereit, sowie ein kleines „Empfangskomitee”, dass sich zu unserer Begrüßung versammelt hatte. Mit liebevoll gefertigten Blumengirlanden hießen sie mich willkommen.

Rektorin und Lehrer der Schule

Meethu sowie eine weitere Lehrerin, die Hauswirtschafterin, ihre Töchter und einige Schülerinnen hatten diese Girlanden eigens für mich vorbereitet – ein Zeichen großer Herzlichkeit und Wertschätzung. Für mich war es ein zutiefst berührender Moment, auf diese traditionelle Weise empfangen zu werden.

Nach einem kleinen Imbiss in der Schule führte mich Ghanshyam zu seiner Familie, die im benachbarten Dorf lebten: seine Eltern, Schwestern, Nichten und Neffen und auch der Großvater durften nicht fehlen, dessen Namaskar, welches die förmlichere Begrüßung ist, ich ehrerbietig erwiderte.

Fast alle konnten ein paar Worte Englisch, so dass mir es möglich war, mich mit ihnen ein wenig zu unterhalten. Auf dem Rückweg zur Schule wurde ich von einem Dorfnachbarn auch noch mit einem freundlichen Namaste begrüßt und einer weiteren Girlande bedacht.

Es war inzwischen spät geworden, und die Müdigkeit des Tages legte sich spürbar über alles. Gemeinsam mit den Töchtern richtete ich mir meine Schlafstätte im Schulgebäude her.

Bevor wir uns zur Ruhe begaben, drückte mir die Hauswirtschafterin noch eine Taschenlampe in die Hand – fast fürsorglich, als wüsste sie um die ungewohnte Dunkelheit der Nacht. Falls ich hinausmusste, erklärte sie mir, würde mir ihr Licht den Weg zu dem kleinen, etwas abseits gelegenen Toilettenhäuschen weisen.

Ich war es nicht mehr gewohnt, mit mehreren gemeinsam in einem Zimmer zu schlafen und schlief aus diesem Grunde nicht besonders gut. So hörte ich recht früh ein leises Murmeln aus einer Ecke kommend, das von der Hauswirtschafterin stammte, die ihr morgendliches Gebet noch vor Sonnenaufgang zelebrierte. Mir kam es vor wie eine Art Gottesdienst, den sie vor einem winzigen Altar, der sich in einer Ecke unseres Raumes befand, abhielt. Hier wie auch schon zuvor wurde mir klar, dass Religion ein pragmatischer Teil des Alltags ist und der Orientierung im Leben sowie dem Schutz der Gemeinschaft dient.

Autor: Zahra Awada

Reisen bedeutet für mich Freiheit – die Möglichkeit, dem Alltäglichen zu entfliehen, meinen Horizont zu erweitern und mich lebendig zu fühlen. Unterwegs habe ich gelernt, offen für neue Erfahrungen und Begegnungen zu sein. Diese Offenheit hat mir geholfen, mich von Konventionen und Vorurteilen zu lösen und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Jede neue Reise erfordert Mut: den Mut, sich auf Unbekanntes einzulassen, Neues auszuprobieren und mit Menschen in Kontakt zu treten. Gerade darin liegt für mich ihr besonderer Reiz. Die Erinnerungen an meine Reisen sind für mich von unschätzbarem Wert – sie bleiben lebendig und begleiten mich ein Leben lang. Nach vielen Jahren im medizinischen Bereich habe ich meinen Beruf aufgegeben. Seitdem genieße ich die Freiheit, das Leben bewusst zu erleben und die Erfahrungen der vergangenen Jahre mit Dankbarkeit zu betrachten.

Schreibe einen Kommentar